Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Catalin Dorian Florescu

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2002

geboren 1967 in Timişoara/Rumänien. 1976 erste Ausreise nach Italien und in die USA, Rückkehr noch im selben Jahr. Besuch der Sekundarschule. 1982 Flucht mit den Eltern in den Westen und seither wohnhaft in Zürich, inzwischen als Schweizer Staatsbürger. 1983–1989 Besuch des Sprachgymnasiums, anschließend bis 1995 Hochschulstudium der Psychologie und Psychopathologie an der Universität Zürich. Von 1995 bis 2001 Psychotherapeut, daneben fünfjährige Weiterbildung in Gestalttherapie. Seit 2001 ist er freier Schriftsteller und schreibt neben seinen Büchern Kolumnen und Essays. Seine Romane wurden außer ins Rumänische auch ins Spanische uns Holländische übersetzt.

Catalin Dorian Florescu erhielt eine Reihe von Stipendien und Auszeichnungen, unter anderen 2001 das Pro Helvetia-Stipendium, das Hermann Lenz-Stipendium und das Werkjahr der Stadt Zürich; 2004 das Villa Waldberta-Stipendium der Stadt München, 2005, 2006 und 2009 Aufenthaltstipendien im Künstlerdorf Worpswede, im Künstlerdorf Schöppingen und im Künstlerhaus Cismar. 2008 hatte er das Bahnwärterstipendium in Esslingen und war Stadtschreiber in Dresden, 2010 in Erfurt und Baden-Baden, 2011 in Rottweil. Es folgten das Heinrich-Heine-Stipendium in Lüneburg (2011), das Pro Helvetia New York Stipendium 2012 und das Hermann-Hesse-Stipendium der Stadt Calw 2013.

Auszeichnungen:
Ehrengabe des Kantons Zürich 2002
Anna-Seghers-Preis 2003
Schweizer Buchpreis 2011
Joseph-von-Eichendorff-Literaturpreis 2012

Leseprobe

Zwischen Krimi und Romanze
Es ist nicht zu leugnen: Der Arme kennt die Ungerechtigkeit von klein auf. Er erlebt zuerst, wie der Vater entlassen, entwürdigt, verstoßen wird, wie das Geld nicht mehr reicht und schließlich wie die Nerven blank liegen. Später erlebt er das alles am eigenen Leib.
Der Reiche entdeckt die Ungerechtigkeit, wenn es ihm passt. Meistens passt es ihm, wenn er sich bedroht fühlt, wenn man seine Karriereleiter knickt, seinen Besitz anficht. Wenn er den Verlust von Liebgewordenem fürchtet. Der Arme kann nicht verlieren, der Verlust ist eingerechnet. Nur in einem Punkt ähneln sich arm und reich: Die Nerven liegen blank – unabhängig vom Einkommen.
Seit ich ahne, wie viel Ungerechtigkeit es dort draußen gibt, sind mir Krimis suspekt. Sie führen dem Bürgertum jene Spannung zu, auf die es verzichten muss, um produktiv zu bleiben. Jede Hausfrau, jeder Abteilungsleiter liebt Krimis. Ein bisschen Krimi, ein bisschen Romanze, im Fernsehen oder in der Literatur, dann ist das Leben perfekt. Und es ist vielleicht ein gutes Mittel, um nicht selber Amok zu laufen. Stellvertretend tun es andere und zu bester Sendezeit.
Der Krimi führt einen von sich weg. Es passiert Schlimmes, aber in der Ferne, im Dunkeln, nicht in einem selbst. Aber wer sagt, dass irgendeiner bei sich sein möchte? Keiner will das, man will nur beschäftigt sein. Gib dem Armen und dem Reichen Krimi und Romanze und sie werden entzückt sein. Das Publikum, das der tiefen, innigen Literatur davon läuft – oder nie dorthin findet –, bevölkert den Kontinent des Krimis.

Im Alltag findet jedoch niemand Leichen. Oder ist Ihnen so was schon mal passiert? Eine Leiche zum Frühstück gleich neben Ihrem Bett? Oft bräuchte man sich nur morgens im Spiegel anzuschauen und zu fragen: Wie tot bist du eigentlich? Aber da kommt kein Kommissar und fragt: »Uns wurde Ihr Tod gemeldet. Was haben Sie dazu zu sagen? Kennen Sie den Mörder?« Das wäre ein toller Krimi.
Dürrenmatt konnte zeigen, dass das Böse unweit wohnt, im Dorf womöglich. Mir ist das Dorf abhanden gekommen, ich bin ein globaler Emigrant, auf Ungerechtigkeit verstehe ich mich, aber nur wenn sie global geschieht. Ich kenne nicht die Mordgedanken in den Reihenhäusern der Schweizer. Aber es ist aufregend, sich auszudenken, was sich für ein Chor von Stimmen erhebt, wenn man durch solche Siedlungen wandert.
Wenn ich an Gerechtigkeit denke, dann nicht an die in den Krimis, sondern an die im Leben. Die Leichen, die wir selber sind, beunruhigen mich mehr als die Leichen in den Krimis. Die Aufklärung solcher Fälle dauert unter Umständen ein Leben lang.

Wenn der Arme nichts mehr hat, so hat er doch noch Gott.Wenn eines Tages alle Armen dieser Welt ihre Entwürdigung mit klarem Verstand erkennen würden, so würde es nicht genug Gott geben, um sie von der Revolte abzuhalten. Und ihre Rache wäre grausam.
Die Rache der Armen ist nicht an den feinen Schulen, den Eliteuniversitäten der reichen Weißen geschult. Ihre Rache sieht aus wie jene des Mobs an der Elfenbeinküste, der den Besitz des weißen Mannes und die Körper der weißen Frauen plünderte. Ihre Rache sieht aus wie das Töten von Margret Hasan und Ken Bigley in Irak. Enthauptet, erschossen.
Vorläufig aber wirkt, mit Abstrichen, noch die Waffe des Reichen: Er gibt dem Armen so viel Gott, wie dieser tragen kann. Und er kann tragen. Tragen ist vielleicht neben Ertragen die größte Fähigkeit des Armen. Sollte Gott eines Tages nicht mehr wirken, hat der Reiche ein neues Mittel. Man nennt es Konsum. Man wird den Armen schon mundtot kriegen mit den neuesten High-tech-Produkten. Das ist beinahe wie reich sein.

(unveröffentlicht)

Bücher

Catalin Dorian Florescu
Der Mann, der das Glück bringt.
Roman. C.H. Beck Verlag, München 2016

Jacob beschließt zu lieben.
Roman. C.H. Beck Verlag, München 2011

Zaira.
Roman. C.H. Beck Verlag, München 2008

Der blinde Masseur.
Roman. Pendo Verlag, Zürich / München 2006

Der kurze Weg nach Hause.
Roman. Pendo Verlag, Zürich / München 2002

Wunderzeit.
Roman. Pendo Verlag, Zürich/München 2001

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