Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Marica Bodrožić

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2003

geboren 1973 in Zadvarje in Dalmatien, dem heutigen Kroatien.
1983 Umzug nach Deutschland. Sie studierte Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik in Frankfurt am Main. Ihre ersten literarischen Arbeiten, Prosa, Essays und Lyrik, veröffentlichte sie in Zeitungen und Zeitschriften (FAZ, manuskripte, Lettre Internationale). 2001 erhielt sie das Hermann Lenz-Stipendium, 2005 das Jahresstipendium des Else-Heiliger-Fonds und 2006 das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds. Im Jahr 2007 war Marica Bodrožić Stipendiatin im Künstlerhaus Edenkoben und der Stiftung Syltquelle. 2005 war sie als »Writer in Residence« in Bordeaux und 2008 auf Einladung des Goethe-Instituts Stadtschreiberin von Novosibirsk. Ihr erster eigener Film »Das Herzgemälde der Erinnerung. Eine Reise durch mein Kroatien« wurde in 3sat Ende Februar 2007 ausgestrahlt. Im Jahr 2011 übernahm sie eine Gastprofessur am Dartmouth College, USA. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin.

Auszeichnungen:
Heimito von Doderer-Förderpreis, 2002
Adalbert Stifter-Förderpreis, 2005
Literaturpreis (zum Kunstpreis) der Akademie der Künste Berlin, 2007
Kulturpreis Deutsche Sprache, 2008
Bruno Heck-Preis, 2009
Liechtenstein-Literaturpreis, 2011
Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds Darmstadt, 2013
Preis der LiteraTour Nord, 2013
Literaturpreis der Europäischen Union, 2013
Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, 2015,
Preis der Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt 2017

Leseprobe

Ein Gedächtnis gleicht einem lange verschlossenen Haus. Es gibt unbekannte Zimmer in ihm, Schlüssel, die noch nie benutzt worden sind. Offenbar war Ilja der erste Mensch, der den Schlüssel zu den verstaubten Zimmern in meinem Erinnerungsarchiv besaß. Er gab ihn mir, er gab mir den Schlüssel, ohne es vielleicht selbst zu wissen, dass er dies tat. Ilja hat mich nicht benutzt und nicht bestohlen. Und er hätte alles mit mir tun können, er besaß ja den Schlüssel. Er zog es vor, ihn mir irgendwann zu geben. Und das bedeutete, dass er aus meinem Leben verschwinden musste. Es ging nicht anders. Ich musste lernen, die Bestimmung zu meiden. Leben ist nicht Schicksal. Leben ist manchmal das Gegenteil davon. Ich wusste jetzt alles sehr genau, sehr viel über mich selbst. Mein roter Angorapullover war nass von meinen Tränen. Nichts kann ausgelöscht werden. Wir alle müssen lernen, mit uns selbst zu leben. Alles je Geschehene lebt in uns weiter, alles, auch mein Vater in mir, auch alle seine toten Libellen. Ich bin im Besitz des Albums und halte damit den Stammbaum meiner Familie in den Händen wie andere Leute einen Apfel in Händen halten. Mein Erbe ist das Erbe vieler unglücklicher und einsamer Menschen. Ich habe das Glück oder das Unglück, wie immer man es sehen will, die erste von uns allen zu sein, die lesen kann: ich lese das Erbe und zeitgleich liest das Erbe mich. Wie kann ich die Linie, diese lange Unglückslinie unterbrechen? Ich weiß es nicht. Vielleicht reicht es, um die Linie zu wissen.

Alles was ich weiß, das ist, dass ich mit jedem gewonnenen Stückchen Wissen über mich ein Stückchen Wissen über mich verliere. Manchmal bin ich dankbar, das Vergessen rettet mich, wie ein Mensch mich niemals retten könnte. Als ich einmal durch die Straßen von Chicago ging, dachte ich zum ersten Mal, dass ich nur ich selbst bin, dass mich nichts mit anderen verbindet. Mein Körper gehörte endlich nur mir. Ich war ein Mensch ohne Geschichte. Und ich konnte plötzlich jeden verstehen, der nach Amerika gegangen war und genauso wie ich ohne Geschichte ein neues Leben mit einer neuen Geschichte anfing. Ich verstand Vater und Mutter, Großvater und Großmutter. Ich verstand Ilja und seine Frau, die immer seine Frau bleiben würde. Und ich bewunderte ihn, für seinen Mut, sich dieser Stadt und dieser Geschichtslosigkeit gestellt zu haben und dass er offen genug war, sich selbst zu vergessen. Aber vielleicht habe ich alles wieder nur auf andere abgeschoben, was ich an mir selbst gefühlt hatte, vielleicht hatte ein anderer mir wieder geholfen, meinen Wünschen nicht in die Augen zu sehen, weil ich nicht merken wollte, dass das Glück in keiner Suche zu finden sein würde, nicht jetzt, nicht später, niemals, nicht davor, nicht danach, dass das Glück niemals etwas sein würde, dass in der Zukunft liegt. Nichts also, das man finden kann.

Das Glück ist barfuß und war immer nur im Jetzt zu finden. Dieses Jetzt entzog ich mir selbst, indem ich an Ilja dachte und ihn für irgendetwas liebte, das ich mutig fand, sei es auch nur, dass er in dieser oder jener Stadt gelebt hatte, diese oder jene Straße entlanggegangen war, dass er hier sprachlos war, ein heimatloser Spaziergänger, der nirgendwo sonst ein Dach über dem Kopf hatte – und wenn ich auch damals vor mir selbst davongerannt bin, es hat doch alles gestimmt, man braucht Mut, um ortslos zu sein und es ist leichter, auf Heimat zu verzichten, wenn man Menschen hat, die zu einem gehören, eine Adresse, eine feste Telefonnummer, unter der die anderen einen anrufen, selbst wenn man seit Jahren nicht mehr im Telefonbuch steht. Exil ist heute nicht das Fortgehen an sich, im Exil ist jeder, der in seiner Stadt nicht auf der Straße gegrüßt wird. Unsere Städte sind voll von Namenlosen, wir sind einander verdächtig, wenn wir uns in U-Bahnen und am Flughafen anlächeln. Vielleicht werden sie die Lächelnden irgendwann einsperren, weil sie nicht ernst genug und abwesend genug waren. Nur die Liebenden wird man immer leben lassen (wenn sie sich selbst als Liebende gestatten), leben lassen müssen, weil sie die einzigen Uneinsichtigen sind, weil sie immer wieder lächeln können, immer wieder neu lieben können.

Aus: Marica Bodrožić, Das Gedächtnis der Libellen. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2010

Bücher

Marica Bodrožić
Das Wasser unserer Träume.
Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2016

Mein weißer Frieden.
Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014

Kirschholz und alte Gefühle.
Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2012

Quittenstunden.
Gedichte. Otto Müller, Salzburg 2011

Das Gedächtnis der Libellen.
Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2010

Lichtorgeln.
Gedichte. Otto Müller, Salzburg 2008

Der Windsammler.
Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007

Sterne erben, Sterne färben. Mein Leben in der deutschen Sprache.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007

Ein Kolibri kam unverwandelt.
Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg 2007

Der Spieler der inneren Stunde.
Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005

Bilder des neuen Jahrhunderts.
Von Marica Bodrožić, Kerstin Hensel und Dagmar Leupold. Wallstein Verlag, Göttingen 2002 (Literarisches Kollegium Wolfenbüttel)

Tito ist tot.
Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002

Kontakt für Lesungen

Luchterhand Literaturverlag