Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Ilma Rakusa

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2003

1946 in Rimavská Sobota (Slowakei) als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen geboren. Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. Volksschule und Gymnasium in Zürich. 1965–1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. Nach der Promotion, 1971, Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Zürich, seit 1977 Lehrbeauftrage. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit) tätig. Ilma Rakusa lebt in Zürich.
Übersetzungen aus dem Russischen (u.a. Alexej Remisow, Michail Prischwin und Marina Zwetajewa), aus dem Serbokroatischen (Danilo Kis), aus dem Französischen (Marguerite Duras, Leslie Kaplan) und aus dem Ungarischen (Imre Kertész, Péter Nádas). Editorische Arbeiten und Herausgabe von Anthologien.
Ilma Rakusa ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Sie übernahm die Chamisso-Poetikdozentur in Dresden und war Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin 2010/2011.

Auszeichnungen:
Petrarca-Übersetzerpreis, 1991
Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, 1998
Schiller-Preis der Zürcher Kantonalbank, 1998
Pro Cultura Hungarica, 2003
Johann-Jakob-Bodmer-Medaille der Stadt Zürich, 2004
Preis des internationalen Literaturfestival Vilenica (SLO), 2005
Schweizer Buchpreis, 2009
Prix Lipp, 2013
Manès-Sperber-Preis 2015
mehrmals Ehrengaben der Stadt und den Kantons Zürich

Leseprobe

Transit. Transfinit

Der Zug. Das Rattern der Räder. Das Säuseln der Ventilation. Zehn Stunden Fahrt vor mir, zehn Stunden zwischen Hier und Dort, bei wechselnden Landschaften. Allein schon die Aussicht auf eine solche Reise beruhigt. Ob ich lese oder döse, ob ich esse oder durchs Fenster schaue, ich werde an mein Ziel getragen, über Berg und Tal. Mit obligaten Halten, in einem Tempo, das auch der Seele die Chance gibt, gleichzeitig mit dem Körper anzukommen. Aber geht es um Ankunft? Ist der Zustand des Unterwegsseins nicht besser als alles, was bevorsteht? Ein Zustand träumerischer Disponibilität, darin sich die Lettern der Reiselektüre mit Wasserfällen und mariatheresiagelben Fassaden, mit den dunkelbraunen Rechtecken der Felder und den grünen Rhomben der Wiesen liieren und das Auge schielend nach aussen und innen blickt.
Geborgenheit stimuliert die Neugier, im fahrenden Haus hebt die Phantasie zu Flügen ab. Das Abenteuer bleibt vorerst draussen, und hat doch schon angefangen. We’re moving. What will come next? Eben haben wir einen namenlosen See gestreift. Das traurige Bootshaus wäre nicht der Rede wert, aber dort sass ein junges Paar, sehr jung, und eng umschlungen. Ein schnelles Bild. Die Sehnsucht lässt grüssen. Sie grüsst, für Sekunden, aus dem Dorf am Hang, dessen geduckte Häuser dünne Rauchsäulen aufsteigen lassen. Aussteigen? Hineinlaufen ins vermeintliche Glück? Zu spät. Die schöne Verheissung bleibt zurück, und draussen bleiben auch der einsame Hund, der Radfahrer, die fahle Sonne überm Moor.
Zur Gnade des Zugfahrens gehört, dass die Welt hinterm Fenster lockt, aber nicht schmerzt. Und bildet sich im Waggon eine Schicksalsgemeinschaft, gehorcht sie scheinbar anderen Gesetzen. Alles deutet auf ein lucidum intervallum hin, eine Art Ausnahmezustand. Ich könnte von vielen Zugfahrten erzählen: bei Slivowitz und Knoblauchwurst hinunter in den wirren Balkan, auf Liegepritschen von Litauen nach Lettland, beim stummen Schachspiel durch die Birkenwälder Weissrusslands, kreuz und quer durch Mitteleuropa, von der Elbe bis zum Karpatenrand. Ich habe Holz- und Polstersitze ausprobiert, bin im Gang gestanden, auf Gepäckstücken eingeschlafen, in Speisewagen verzweifelt, ich habe Bekanntschaften geschlossen und Verse geschmiedet, habe um Anschlüsse gezittert und über Abschiede geweint. Gut so. Was wäre das Leben ohne Zugfahrten. Ohne das Fernweh, das mich schon als Kind beim Anblick von Dampflokomotiven, von verlassenen Provinzbahnhöfen und unkrautgesäumten Gleisen überkam.
In Ljubljana fauchten die Züge nachts durch meinen Traum: der Rangierbahnhof befand sich gleich hinter dem Garten des Hauses, in dem ich bei meiner Tante wohnte. In Triest verkehrten die Züge vor meinem Fenster, auf dem Viadukt von Barcola, einem Relikt aus den Zeiten der Monarchie. Hier erlebte ich ein seltenes Spektakel: wie die Bora, als sie einmal besonders heftig blies, das Dach eines Zuges wegriss, das dann in den Leitungsmasten hängenblieb.
Züge, Züge, von Kindheit an. Grasgrüne Abteile und scharfe Pfiffe, kobaltfarbenes Licht und weisse Spitzen, der Geruch nach Weite und oft genug nach einem Gemisch aus Schweiss, Rauch und Urin. Von solcher Romantik ist in den modernen Hochgeschwindigkeitszügen nichts mehr zu spüren. Dennoch benutze ich die weissen Flitzer, um beispielsweise in Hannover auf einen Interregio nach Braunschweig umzusteigen, und in Braunschweig auf eine winzige Regionalbahn nach Wolfenbüttel. Zwei Wagen, fünf Passagiere, der Zug zuckelt, hält alle paar Meter. Und als ich in Wolfenbüttel ankomme, glaube ich mich am Ende der Welt. Der Bahnhof döst vor sich hin, ein gelber Posten im Nirgendwo. Und still ist es hier, wie auf weiter Flur. In der Unterführung riecht es nach Moder und Pisse.
Seltsam, mit solchen Orten verbindet mich eine Erinnerung. Die Sinne regen sich, die Phantasie kommt in Fahrt. Wie im Zeitraffer schiessen Bilder zusammen. Ich bin hier und zugleich anderswo. Ich bin viele und zugleich die, die mit erregter Aufmerksamkeit die Szenerie betrachtet und dabei ein unheiliges Glücksgefühl empfindet.
Als ich neun Jahre alt war, wollte ich »Weltforscherin« werden. Mit neunzehn wollte ich Afghanistan bereisen, und habe es nicht geschafft. Heute träume ich von einer Zugreise quer durch Sibirien, bis in die Mongolei. Was ich mir davon verspreche? Viel Himmel, viel Musse, viel Besinnlichkeit. Ich werde nicht mehr entdecken, als ich schon weiss, aber es könnte sein, dass etwas mit mir geschieht, wovon ich nicht weiss. Im übrigen lockt nicht das Ziel, sondern der Zustand zwischen den Orten, zwischen den Wäldern und Jurten, zwischen mir und mir. Im Kopf kann ich ihn nicht simulieren, da fehlt der Takt der Räder, der sinnliche Durchzug der Stationen, bei Tee und Unschlaf. Ulan Bator – einfach. Und dort versteppen für unbestimmte Zeit.

 

(unveröffentlicht)

Bücher

Ilma Rakusa
Langsames Licht. Gedichte.
Mit einem Nachwort von Aleš Šteger. Droschl Verlag, Graz 2016

Listen, Litaneien, Loops – zwischen poetischer Anrufung und Inventur (Münchner Reden zur Poesie).
Stiftung Lyrik Kabinett, München 2016

Autobiographisches Schreiben als Bildungsroman (Stefan Zweig Poetikvorlesungen 1).
Sonderzahl Verlag, Wien 2014

Einsamkeit mit rollendem "r".
Erzählungen. Droschl, Graz 2014

Aufgerissene Blicke. Berlin-Journal.
Literaturverlag Droschl, Graz / Wien 2013

Fremdvertrautes Gelände.
Essays. Band 1-2. Thelem Verlag, Dresden 2011

Mehr Meer. Erinnerungspassagen.
Literaturverlag Droschl, Graz / Wien 2009

Marina Zwetajewa, Versuch, eifersüchtig zu sein.
Gedichte. Hrsg. von I.R. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002

Garten, Züge.
Eine Erzählung und zehn Gedichte. Edition Thanhäuser, Ottensheim 2006

Zur Sprache gehen.
Dresdner Chamisso-Poetikvorlesungen 2005. Thelem, Dresden 2006

Durch Schnee.
Erzählungen und Prosaminiaturen. Suhrkamp,Frankfurt am Main 2006

Stille. Zeit.
Essays. Tartin Editionen, Salzburg 2005

Langsamer! Gegen Atemlosigkeit. Akzeleration und andere Zumutungen.
Droschl, Graz 2005

Von Ketzern und Klassikern.
Streifzüge durch die russische Literatur. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003

Love after love.
Acht Abgesänge. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001

Ein Strich durch alles.
Neunzig Neunzeiler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997

Joseph Brodsky, Haltestelle in der Wüste.
Gedichte. Hrsg. von I.R. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997

Einsamkeiten.
Ein Lesebuch. Hrsg. von I.R. Insel Verlag, Frankfurt am Main1996

Danilo Kiš, Homo Poeticus.
Gespräche und Essays. Hrsg. von I.R. C. Hanser, München/Wien 1994

Farbband und Randfigur.
Vorlesungen zur Poetik. Droschl, Graz 1994

Jim.
Sieben Dramolette. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993

Les mots/morts.
Gedichte. Edition Howeg, Zürich 1992

Leben.
Fünfzehn Akronyme. Edition Howeg, Zürich 1990

Steppe.
Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990

Marguerite Duras.
Materialienband. Hrsg. von I.R. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988

Anna Achmatowa.
Gedichte. Hrsg. von I.R. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988

Miramar.
Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986

Die Insel.
Erzählung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982

Dostojewskij in der Schweiz.
Ein Reader. Hrsg. von I.R. Insel Verlag, Frankfurt am Mai 1981

Wie Winter.
Gedichte. Edition Howeg, Zürich 1977

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