Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Yadé Kara

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2004

geboren 1965 in Cayirli (Türkei), studierte Anglistik und Germanistik in Berlin. Sie arbeitet als Schauspielerin, Lehrerin, Managerin und Journalistin in Berlin, London und Hongkong.
Yadé Kara veröffentlichte Beiträge in Hörfunk und Fernsehen.

Auszeichnungen:
Deutscher Bücherpreis für Selam Berlin, 2005

Leseprobe

Mein Name ist Hasan Kazan. In Berlin nennen mich einige Leute »Hansi«, obwohl meine Eltern mir den schönen Namen Hasan Selim Khan gegeben haben. Ach ja, meine Eltern …
Vor Jahren verließen sie Istanbul und emigrierten nach Westberlin, Kreuzberg. Dort kam ich auf die Welt.
Meine Eltern glaubten an den Westen. Er bedeutete Fortschritt, Technik und Arbeit für sie. Doch als ich und mein Bruder Ediz heranwuchsen und mit den westlichen Werten, mit Moral und Erziehung in Berührung kamen, wendeten sich meine Eltern ab. Sie befürchteten, daß wir in Berlin zu »Kiffern«, »Hippies« und »Homos« würden. Deshalb schickten sie uns auf die deutsche Schule in Istanbul. Ich war dreizehn.
[…]
Für Baba und Mama war Istanbul immer noch die Stadt der glitzernden Lichter, Tavernas und Open-air-Kinos, wo Moslems, Christen und Juden nebeneinander lebten. Eine Stadt auf zwei Kontinenten, sieben Hügeln und mit einer Million Einwohner. Durch dieses Istanbul war die Hippie-Route San Francisco — Katmandu verlaufen und hatte Scharen von Amerikanern, Kanadiern und Europäern auf den Platz um die Blaue Moschee gebracht. Damals liefen die Frauen in Miniröcken, hohen Plateauschuhen und mit toupierten Haaren herum, und Männer fuhren kutschengroße Chevrolets.
Baba und Mama stürzten sich in die Bars und Cafés von Beyoglu (Alt-Pera) und erlebten eine magische Stadt. Baba sagte immer: »Istanbul ist wie eine alt gewordene Odaliske, die unter ihrer faltigen Haut die Züge einer einstigen Schönheit trägt.« Nun, daran hatte ich keine Zweifel. Aber dieses Istanbul gab es nicht mehr.
[…]
In den Restaurants dampfte es aus den Töpfen, und neu aufgesetzte Dönerspieße drehten sich pausenlos im Kreis. Die Luft roch nach Dieselgemisch mit Döner. Die Kreuzung Adalbert-/Oranienstraße war Dreh- und Angelpunkt. Das Herz Kreuzbergs. Die New-York-Sandwichbar reihte sich an die türkische Bäckerei, den Gemüseladen, daneben ein Import-Export-Geschäft mit dem letzten Kitsch. Es war immer Bewegung in dieser Ecke. Mir fiel der Spruch ein: Where is Hareket, there is Bereket*.

*Wo Aktion ist, ist auch Profit

 

Auszüge aus »Selam Berlin«

 

 

Adelbert von Chamisso alias Louis Charles Adelaide de Chamisso de Boncourt und ich sind uns schon so einige Male an verschiedenen Straßen, Plätzen und Orten von Berlin über den Weg gelaufen. Keiner hat uns beide vorgestellt.
Als Kind verließ Adelbert Frankreich und floh vor der französischen Revolution, ich verließ als Kind die Türkei und floh vor anatolischen Erdbeben.
Wir kamen beide nach Berlin. Adelbert wohnte als Page der Königin Friederike Luise im Schloß, ich einige Straßen weiter vom Schloß in einem Berliner Altbau.
Er lernte Deutsch lesen, schreiben, sprechen am preußischen Hof, ich auf einer Westberliner Grundschule.
Adelbert von Chamisso wurde Adjunkt am Botanischen Garten von Berlin. Und dort drehte ich im Tropenhaus meinen ersten Kurzfilm »Helena«.
In Berlin Kreuzberg ist ein schöner Platz mit Pflastersteinen und verzierten Häusern nach ihm benannt worden. Und natürlich bildet ein so historisch gut erhaltener Platz gleich eine Kulisse für verschiedene Filme.
Mein erster Studentenjob fand auf dem Chamisso-Platz statt. Ich sollte eine Passantin in einem 30er-Jahre-Film spielen. Einen ganzen Vormittag saß ich mit Mario Adorf im oberen Teil eines alten Berliner Doppeldecker-Busses und wartete auf meinen Einsatz am Chamisso-Platz. Herr Adorf verbrachte seine Wartezeit mit dem Schreiben von Kurzgeschichten, ich mit Lesen von Proust A la recherche du temps perdu.
Adelbert von Chamisso starb an einem Spätsommertag im August, ich kam an einem solchen Tag auf die Welt.
Er liegt auf dem Friedhof am Halleschen Tor in Kreuzberg begraben. Dort habe ich als Kind mit meinen Cousins Verstecken gespielt und dabei das Schild »Hunde und Kinder von der Ruhestätte fernhalten« übersehen, da ich noch kein Deutsch sprechen und lesen konnte.
Adelbert von Chamisso und ich sind wie Passanten aus verschiedenen Jahrhunderten aneinander vorbeigelaufen und haben an den gleichen Straßen, Plätzen und Orten in Berlin gelebt, gewirkt und gearbeitet.
Heute würden einige Kreise Adelbert von Chamisso vielleicht als »französisch-deutschen Autor« oder als »Multi-Kulti-Autor« bezeichnen und seine andere Perspektive interessant finden und etc. etc.
Für mich ist Adelbert von Chamisso darüber hinaus ein Multitalent, das sich sowohl als Schriftsteller, Lyriker und Naturforscher bewiesen hat. Und vor allem ist er für mich ein Berliner.

 


Auszug aus der Danksagung bei der Preisverleihung

Bücher

Yadé Kara
Café Cyprus.
Roman, Diogenes Verlag, Zürich 2008

Selam Berlin.

Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2003

Kontakt für Lesungen

Diogenes Verlag
Catherine Schlumberger