Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Zsuzsa Bánk

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2004

geboren 1965 in Frankfurt am Main
als Tochter ungarischer Eltern. Nach dem Abitur Ausbildung zur Buchhändlerin. Sie studierte Literatur, Publizistik und Politik in Mainz und Washington D.C. Danach arbeitete sie als Wirtschaftsredakteurin. Seit 2000 Veröffentlichungen von Erzählungen und Geschichten in Anthologien und Zeitschriften. Für ihr Romandebüt »Der Schwimmer« erhielt sie u.a. 2002 den Aspekte-Literaturpreis, 2003 den deutschen Bücherpreis und für die Kurzgeschichte »Unter Hunden« den Bettina-von-Arnim Preis.

Auszeichnungen:
Aspekte-Literaturpreis für ihr Romandebüt »Der Schwimmer«, 2002
Deutscher Bücherpreis für ein erfolgreiches Debüt, 2003
Bettina-von Arnim-Preis für die Kurzgeschichte »Unter Hunden«, 2003
1. Preis Internationaler Kurzgeschichtenwettbewerb 2007 der Stadt Mannheim, 2008

Leseprobe

Da bebt etwas nach
In diesen Tagen und Wochen werde ich immer wieder nach dem Ungarnaufstand von 1956 gefragt. Was er mir bedeutet. Was er für mich ist. In Radio- Sendungen, in Zeitungs-Interviews, nach meinen Lesungen. Ich antworte immer etwas beschämt, als nähme ich ein Thema, das mir nicht gehört, für mich in Anspruch, als gäbe ich vor, etwas anderes zu sein, als ich bin. Immer etwas ängstlich, zaghaft, als könnte mich jemand, der es weiß, enttarnen, aufspringen und schreien: Sie lügt! Was hat sie mit 1956 zu tun?

Natürlich ist es nicht mein 1956. Es ist das meiner Eltern. Ich habe es mir nur genommen. Ich habe es benutzt für einen Roman, in dem diese vier Zahlen auf keiner Seite geschrieben stehen, über den aber erstaunlich viele Leute sagen, er handele von 1956. Ich beeile mich zu sagen, ich bin Jahrgang 1965, und viele Kilometer weiter westlich, hinter einem dicken eisernen Vorhang, zur Welt gekommen. Als in Ungarn Panzer rollten, gab es mich nicht einmal als Gedanken.

Geboren wurde ich als Staatenlose, in eine Familie Staatenloser. Es war etwas, das meine Eltern verschwiegen, vielleicht auch vergessen, einfach nie erwähnt hatten, weil es ihnen unwichtig, unsinnig erschien, das mich aber später, als ich davon erfuhr, zutiefst verunsicherte. Das waren also wir, meine Eltern, mein Bruder und ich. Vier Menschen ohne Zuhause, ohne Heimat. Im Besitz eines grauen Behördenfaltpapiers, auf dem kein Staat eingetragen war. Wo wir doch ein Zuhause hatten: eine kleine Wohnung, im Westen Frankfurts, mit Schlangen vor dem Bad, wenn sich dort in den Wintermonaten die Verwandtschaft drängelte, die Großeltern, die Tanten, die zähe Monate lang auf eine Besuchserlaubnis gewartet hatten.

Ob 1956 meine Familie traumatisiert habe, werde ich immer wieder gefragt. Erst sage ich, nein, wie kann es das, und dann sage ich, ja, sicher bebt da etwas nach, zittert da immer noch etwas, vielleicht sogar noch durch mein Leben, viele Jahre später. Aber was kann 1956 für mich sein?Was könnte Ungarn für mich sein? Meine Eltern sind dort geboren und aufgewachsen, fest verwoben in ihr Koordinatensystem aus Petöfi Sándor, Jóseph Attila, Mutter, Vater, Édesanya, Édesapa, Bartók Bela, einem großen See und vielen staubigen Straßen, Tanzstunden und erster Liebe, erster Arbeit, erstem politischen Wollen und Wünschen. Plötzlich herausgerissen, blutjung in den Aufstand
verwickelt und geflohen, in der Hoffnung, schnell zurückkehren zu können, um dann langsam zu begreifen, es geht nicht. Nicht jetzt. Nie mehr. Aber was ist es für mich, wenn es Heimat nicht sein kann, nie sein konnte? Nicht mehr als ein Bild in starken Farben, durchwirkt von einer sonderbaren Sprache, getragen durch viele heiße Sommer, die ich als Kind dort verbrachte? […]

Die Geschichte meiner Eltern kannte ich, jede Winzigkeit, jede Nebensächlichkeit. Was sie mir nicht erzählt hatten, hatte ich mir selber erzählt, ausgedacht und zurechtgereimt, erträumt und verankert, irgendwo in meinem  Kopf. Und doch gab es Rätsel. Der Schmerz war ein großes Rätsel. Er zeigte sich bei jedem Abschied, an jeder Straße, an jedem Gartenzaun, an dem wir standen, wenn unser ungarischer Sommer ausklang, wenn wir die Tanten umarmten, die Großeltern küßten, mit den Vettern ein letztes Mal über einen Graben sprangen. Mein Vater fuhr unseren Wagen sehr langsam. Die Räder rollten kaum. Wir schwebten lautlos, ohne ein Wort, über eine schmale Straße, hielten die Arme aus den Fenstern, winkten, schauten in den Rückspiegel, drehten uns um, warfen Kußhände. Am Ende der Straße, neben der theresiengelben Kirche, hielt mein Vater den Wagen an und setzte den Warnblinker. Es dauerte, bis es ihm gelang, auf die große Straße zu fahren, die uns wegbrachte,
zurück in Richtung Westen führte, über eine Grenze, an der wir jetzt schon unsere neuen Pässe zeigen konnten, Staatsbürgerschaft: deutsch.

Auszug aus dem Essay »Da bebt etwas nach. Was der ungarische Aufstand von 1956 für die Nachgeborenen bedeutet«.
Veröffentlicht in Die Welt, 25. Oktober 2006

Weitere Informationen

Bücher

Zsuzsa Bank
Schwarzwaldsepp. Auch eine Weihnachtsgeschichte.
Hansisches Druck- und Verlagshaus /edition chrismon, Frankfurt am Main 2012

Die hellen Tage.
Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011

Der Schwimmer.

Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.

Heißester Sommer.
Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004

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