Dimitré Dinev
Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2005
geboren 1968 in Plovdiv, Bulgarien.
1987 Matura am Deutschen Gymnasium in Pazardschik, Armeedienst und erste Veröffentlichungen in bulgarischer Sprache. 1990 Flucht nach Österreich, Beginn des Studiums der Philosophie und russischen Philologie an der Universität Wien. Seit 1991 Drehbücher, Erzählungen, Theaterstücke und Essays in deutscher Sprache, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitungen.
1999 Uraufführung des Stücks »Russenhuhn« nach den »Troerinnen« von Euripides am WUKTheater, Wien. 2007 Uraufführung des Stücks »Das Haus des Richters« am Burgtheater, Wien. Seine Erzählsammlung Ein Licht über dem Kopf wurde im Jahr 2006 für die jährlich organisierte Aktion der Stadt Innsbruck »Eine Stadt liest ein Buch« ausgewählt.
Dimitré Dinev erhielt mehrere Preise und Stipendien, unter anderen beim Satire-Wettbewerb der Akademie Graz, den Mannheimer Literaturpreis (2002), den Förderungspreis der Stadt Wien (2003), das österreichische Staatsstipendium und den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (2004).
1987 Matura am Deutschen Gymnasium in Pazardschik, Armeedienst und erste Veröffentlichungen in bulgarischer Sprache. 1990 Flucht nach Österreich, Beginn des Studiums der Philosophie und russischen Philologie an der Universität Wien. Seit 1991 Drehbücher, Erzählungen, Theaterstücke und Essays in deutscher Sprache, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitungen.
1999 Uraufführung des Stücks »Russenhuhn« nach den »Troerinnen« von Euripides am WUKTheater, Wien. 2007 Uraufführung des Stücks »Das Haus des Richters« am Burgtheater, Wien. Seine Erzählsammlung Ein Licht über dem Kopf wurde im Jahr 2006 für die jährlich organisierte Aktion der Stadt Innsbruck »Eine Stadt liest ein Buch« ausgewählt.
Dimitré Dinev erhielt mehrere Preise und Stipendien, unter anderen beim Satire-Wettbewerb der Akademie Graz, den Mannheimer Literaturpreis (2002), den Förderungspreis der Stadt Wien (2003), das österreichische Staatsstipendium und den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (2004).
Leseprobe
Lass uns Radio hören
Das Radio hatte im realen Sozialismus einen besonderen Stellenwert. Es war das einzige Gerät, mit dem man unmittelbar Kontakt mit dem Westen haben konnte. Um also das Gefühl zu haben, ein Dissident zu sein, brauchte man nicht mehr als ein gutes Radio, eingestellt auf die Frequenz der Sender »Freies Europa« oder »The Voice of Amerika«. Sammelten sich drei Menschen um ein Radio, um eine Flasche Schnaps zu teilen, konnte man schon von einer Widerstandsbewegung reden. Das Radio war eine wundersame Sache, denn anders als der Schnaps, gab es jedem das Gefühl ein Held zu sein. Und alle liebten es.
Sarko Kischev liebte es auch, doch diesem Gefühl lag eine andere Geschichte zu Grunde. Bis zum Jahr 1987 hatte das Radio so gut wie keine Rolle in seinem Leben gespielt. Im Herbst desselben Jahres sollte sich nun alles ändern. Sarko ging nach Plovdiv, um dort Agronomie zu studieren und mietete ein Zimmer in der Wohnung einer pensionierten Volksschullehrerin. Die Wände dieser Wohnung waren aber so dünn, dass Sarko nicht nur das Blättern im Fotoalbum, das seine Vermieterin sich im Nebenzimmer ansah, hören konnte, sondern auch ihre leisesten Seufzer. All das wäre nicht so bedeutend gewesen, wenn er nicht zwei Wochen später Weneta kennengelernt hätte. Je näher er Weneta aber kam, desto wichtiger wurden die Wände um ihn herum.
Eines Tages war auch die letzte unsichtbare Wand zwischen den beiden gefallen, gleich danach ihre Kleider und wie er befürchtete, geschah dies in seinem Zimmer. Im Nebenraum rührte die Wohnungsbesitzerin gerade in ihren Kaffee.
»Hier hört man alles«, sagte er außer Atem.
»Schalte das Radio ein«, flüsterte ihm Weneta die erlösende Idee zu.
Von nun an wurde das Radio ständiger Begleiter ihres Liebeslebens. Es gab kaum eine Sendung, die sie nicht kannten. Mal hörten sie Musik, mal die Nachrichten, mal Berichte über den Wasserstand der Donau, aber auch Abhandlungen über die Erfolge sozialistischer Planwirtschaft und lobende Worte für alle Brigaden, die den Plan vorzeitig erfüllt hatten. So geschah es, dass die beiden immer, wenn sie miteinander schlafen wollten, nur einen Satz auszusprechen brauchten: »Lass uns Radio hören«.
Die Sendungen beeinflussten ihre Liebesspiele auf verschiedenste Art und Weise. Während Revolutions- und Partisanenlieder Weneta am stärksten erregten und sie experimentierlustiger, erfinderischer und feuriger machten, konnte Sarko es am längsten, wenn er die Reden hoher Parteifunktionäre hörte. Vielleicht weil seine Phantasie mit dem Kommunismus beschäftigt war, dessen Kommen selbst weiter und weiter aufgeschoben wurde. Auf diese Weise verband Sarko das Nützliche mit dem Angenehmen, denn das, was durch diese Reden fester wurde, war nicht allein sein Klassenbewusstsein. Er war nie ein Dissident gewesen, aber auch ihm gab das Radio manchmal das Gefühl, ein Held zu sein. Leider sollten bald andere Zeiten kommen und mit ihnen auch andere Helden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus trennte sich Weneta von Sarko, weil ihr Liebesleben nicht mehr so recht funktionieren wollte. Wie sollte es auch. Zwar waren viele neue Sender entstanden, aber die Parteireden waren verschwunden. Nun war Sarko nichts Festes geblieben. Er hatte keine feste Beziehung, keine feste Arbeit, keinen festen Wohnsitz, geschweige denn festes Klassenbewusstsein. Also ging er wie viele andere sein Glück im Westen suchen. Durch eine Ironie des Schicksals schmuggelte man ihn in einem mit Radiogeräten beladenen Laster nach Österreich. So begann, wie er selber später zu sagen pflegte, die längste Sendepause seines Lebens. Doch verglichen mit anderen Einwanderern hatte Sarko Glück. Nach einem Jahr schon konnte er eine eigene Wohnung mieten, nach drei Jahren hatte er einen festen Arbeitsplatz. Eine der ersten Sachen, die er sich kaufte, war ein Radio. Er schaltete es aber nie ein. Er wartete.
Obwohl es keinem mehr das Gefühl gab, ein Held zu sein, spielte das Radio weiterhin eine wichtige Rolle im Leben der Einwanderer. Diejenigen, die früher den Sendern des Westens gelauscht hatten, versuchten jetzt mit derselben Inbrunst ihre Heimatsender im Äther zu finden. Es gab auch kaum eine Werkstatt oder Baustelle, wo nicht Radio gehört wurde. Nicht zufällig waren die ersten Sätze, die Einwanderer akzentfrei aussprechen konnten, den Radiowerbungen entliehen. »Schau in die Krone« sangen Sarkos polnische Kollegen oft auf der Baustelle, während sie Beton mischten. Sarko dagegen suchte nie einen Sender und schaltete kein Radio ein. Er wischte nur ab und zu den Staub von seinem Gerät und wartete.
Eines Tages wurde sein Warten belohnt. Bei der Taufe der Tochter eines Kollegen aus Serbien lernte er nach dem vierten Sliwowitz Jasminka kennen.
»Wenn du Lust hast, können wir zu mir gehen«, sagte er, als das Fest zur Neige ging.
»Und was sollen wir dort tun?« Die Frage schien einen Teil ihrer Lippenfarbe fortgewischt zu haben, denn sogleich zog sie einen Lippenstift aus der Handtasche und schminkte sich wieder. Sarko holte tief Luft, denn er hatte 7 Jahre, 3 Monate und 12 Tage gewartet, um diesen Satz wieder aussprechen zu können.
»Radio hören«, sagte er laut.
Das Radio hatte im realen Sozialismus einen besonderen Stellenwert. Es war das einzige Gerät, mit dem man unmittelbar Kontakt mit dem Westen haben konnte. Um also das Gefühl zu haben, ein Dissident zu sein, brauchte man nicht mehr als ein gutes Radio, eingestellt auf die Frequenz der Sender »Freies Europa« oder »The Voice of Amerika«. Sammelten sich drei Menschen um ein Radio, um eine Flasche Schnaps zu teilen, konnte man schon von einer Widerstandsbewegung reden. Das Radio war eine wundersame Sache, denn anders als der Schnaps, gab es jedem das Gefühl ein Held zu sein. Und alle liebten es.
Sarko Kischev liebte es auch, doch diesem Gefühl lag eine andere Geschichte zu Grunde. Bis zum Jahr 1987 hatte das Radio so gut wie keine Rolle in seinem Leben gespielt. Im Herbst desselben Jahres sollte sich nun alles ändern. Sarko ging nach Plovdiv, um dort Agronomie zu studieren und mietete ein Zimmer in der Wohnung einer pensionierten Volksschullehrerin. Die Wände dieser Wohnung waren aber so dünn, dass Sarko nicht nur das Blättern im Fotoalbum, das seine Vermieterin sich im Nebenzimmer ansah, hören konnte, sondern auch ihre leisesten Seufzer. All das wäre nicht so bedeutend gewesen, wenn er nicht zwei Wochen später Weneta kennengelernt hätte. Je näher er Weneta aber kam, desto wichtiger wurden die Wände um ihn herum.
Eines Tages war auch die letzte unsichtbare Wand zwischen den beiden gefallen, gleich danach ihre Kleider und wie er befürchtete, geschah dies in seinem Zimmer. Im Nebenraum rührte die Wohnungsbesitzerin gerade in ihren Kaffee.
»Hier hört man alles«, sagte er außer Atem.
»Schalte das Radio ein«, flüsterte ihm Weneta die erlösende Idee zu.
Von nun an wurde das Radio ständiger Begleiter ihres Liebeslebens. Es gab kaum eine Sendung, die sie nicht kannten. Mal hörten sie Musik, mal die Nachrichten, mal Berichte über den Wasserstand der Donau, aber auch Abhandlungen über die Erfolge sozialistischer Planwirtschaft und lobende Worte für alle Brigaden, die den Plan vorzeitig erfüllt hatten. So geschah es, dass die beiden immer, wenn sie miteinander schlafen wollten, nur einen Satz auszusprechen brauchten: »Lass uns Radio hören«.
Die Sendungen beeinflussten ihre Liebesspiele auf verschiedenste Art und Weise. Während Revolutions- und Partisanenlieder Weneta am stärksten erregten und sie experimentierlustiger, erfinderischer und feuriger machten, konnte Sarko es am längsten, wenn er die Reden hoher Parteifunktionäre hörte. Vielleicht weil seine Phantasie mit dem Kommunismus beschäftigt war, dessen Kommen selbst weiter und weiter aufgeschoben wurde. Auf diese Weise verband Sarko das Nützliche mit dem Angenehmen, denn das, was durch diese Reden fester wurde, war nicht allein sein Klassenbewusstsein. Er war nie ein Dissident gewesen, aber auch ihm gab das Radio manchmal das Gefühl, ein Held zu sein. Leider sollten bald andere Zeiten kommen und mit ihnen auch andere Helden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus trennte sich Weneta von Sarko, weil ihr Liebesleben nicht mehr so recht funktionieren wollte. Wie sollte es auch. Zwar waren viele neue Sender entstanden, aber die Parteireden waren verschwunden. Nun war Sarko nichts Festes geblieben. Er hatte keine feste Beziehung, keine feste Arbeit, keinen festen Wohnsitz, geschweige denn festes Klassenbewusstsein. Also ging er wie viele andere sein Glück im Westen suchen. Durch eine Ironie des Schicksals schmuggelte man ihn in einem mit Radiogeräten beladenen Laster nach Österreich. So begann, wie er selber später zu sagen pflegte, die längste Sendepause seines Lebens. Doch verglichen mit anderen Einwanderern hatte Sarko Glück. Nach einem Jahr schon konnte er eine eigene Wohnung mieten, nach drei Jahren hatte er einen festen Arbeitsplatz. Eine der ersten Sachen, die er sich kaufte, war ein Radio. Er schaltete es aber nie ein. Er wartete.
Obwohl es keinem mehr das Gefühl gab, ein Held zu sein, spielte das Radio weiterhin eine wichtige Rolle im Leben der Einwanderer. Diejenigen, die früher den Sendern des Westens gelauscht hatten, versuchten jetzt mit derselben Inbrunst ihre Heimatsender im Äther zu finden. Es gab auch kaum eine Werkstatt oder Baustelle, wo nicht Radio gehört wurde. Nicht zufällig waren die ersten Sätze, die Einwanderer akzentfrei aussprechen konnten, den Radiowerbungen entliehen. »Schau in die Krone« sangen Sarkos polnische Kollegen oft auf der Baustelle, während sie Beton mischten. Sarko dagegen suchte nie einen Sender und schaltete kein Radio ein. Er wischte nur ab und zu den Staub von seinem Gerät und wartete.
Eines Tages wurde sein Warten belohnt. Bei der Taufe der Tochter eines Kollegen aus Serbien lernte er nach dem vierten Sliwowitz Jasminka kennen.
»Wenn du Lust hast, können wir zu mir gehen«, sagte er, als das Fest zur Neige ging.
»Und was sollen wir dort tun?« Die Frage schien einen Teil ihrer Lippenfarbe fortgewischt zu haben, denn sogleich zog sie einen Lippenstift aus der Handtasche und schminkte sich wieder. Sarko holte tief Luft, denn er hatte 7 Jahre, 3 Monate und 12 Tage gewartet, um diesen Satz wieder aussprechen zu können.
»Radio hören«, sagte er laut.
Weitere Informationen
Bibliografie
Die Inschrift. Erzählungen. Wien: Edition Exil, 2001
Engelszungen. Roman. Wien/Frankfurt am Main: Deuticke Verlag, 2003
Ein Licht über dem Kopf. Erzählungen. Wien: Deuticke Verlag, 2006