Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Feridun Zaimoglu

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2005

Geboren 1964 in Bolu/Türkei. Aufgewachsen in Berlin, München und Bonn, seit 1985 lebt er in Kiel. Er studierte Humanmedizin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterautor und Journalist. Schon mit seinem ersten Buch Kanak Sprak (1995) wurde er zum Kultautor; der Film »Kanak Attack«, die Verfilmung seines Romans Abschaum, kam im November 2000 in die Kinos.
Feridung Zaimoglu war 2003 Inselschreiber auf Sylt und erhielt 2005 das Villa Massimo-Stipendium. Er war Heinrich-Heine-Gastdozent des Literaturbüros Lüneburg (2012) und übernahm gemeinsam mit Ilija Trojanow 2007 Tübinger Poetik-Dozentur sowie 2013 die Chamisso-Poetikdozentur des internationalen Forschungszentrums Chamisso-Literatur (IFC) am Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Auszeichnungen:
Civis Hörfunk- & Fernsehpreis (zusammen mit Thomas Röschner), 1997
Drehbuchpreis des Landes Schleswig-Holstein, 1998
Friedrich-Hebbel-Preis, 2002
Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, 2003
Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens, 2005
Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein, 2006
Carl-Amery-Literaturpreis,  2007
Grimmelshausen-Preis, 2007
Corine Internationaler Buchpreis, 2008
Jakob-Wassermann-Literaturpreis und Kulturpreis der Stadt Kiel, 2010
Preis der Literaturhäuser, 2011
Literaturpreis FERONIA (Italien), 2013
Mainzer Stadtschreiber, 2015
Berliner Literaturpreis, 2016

Leseprobe

Mein Smaragdgott hat mir einen Traum geschenkt, ich bat darum in der Schwitzhöhle meines Bettes, und er gab ihn mir: Er verscheucht die Fliegen auf meinem Gesicht. Sein Atem prallt auf meine Stirn und teilt sich in kleinere Luftzüge, in denen die Fliegen fortsirren, fort von meinen Lippen. Und ich kann meinen Mund öffnen und atmen, dann verschwindet dieses Bild, es wechselt die Farbe von gelb zu braun zu rot, und ich sehe den Mann meiner Mutter, der sich an der Haltestange der Lokomotive abstützt und absteigt. Der Zug ist auf der Strecke stehen geblieben. Ein Steinbockweibchen kreuzt das Gleis, leckt das Salz der Steine, spitzt die Ohren, als er fluchend näher kommt. Hau ab, ruft der Mann, sonst landest du in meinem Topf und auf meinem Teller, ich reiße dein Fleisch mit den Händen entzwei. Er kommt dem Tier so nahe, daß er hören kann, daß ich hören kann, wie es mit der rauhen Zunge über die Steine fährt. Näher kommt er ihm nicht, es dreht sich um, bleckt die Zähne und spricht menschenähnlich, mit einer Stimme, die aus seinem Kopf herausdröhnt, spricht es: Wär’ ich die Geiß, für die du mich hältst, könnt’ ich nicht reden! Der Mann meiner Mutter fällt vor Schreck zu Boden, die Menschgeiß schnuppert an ihm wie an einem Leblosen und lacht und heult den Himmel der Nacht an. Der Traumlärm weckt mich. Die Decken sind zurückgeschlagen, die Bodenbetten sehen aus wie leere, weiße Insektenkörper. Ich gehe auf Mäusepfoten, klackend über den Stein, ich drücke die Klinke der nächsten Kammer herunter, schlüpfe durch den Türspalt. Ihre Kniekehlen sind naß vor Schweiß. Sie bedeckt ihr Gesicht mit dem Schamtuch, einen Zipfel hält sie zwischen den Zähnen, ihre Augen sind eingedrückt in geschwollenes Fleisch. Sie taucht einen Seifenbrocken ins Wasser des Waschzubers, ihre Hand flattert im Wasser wie ein Vogelflügel, bis sich kleine Schaumflocken bilden. Dann legt sie die rot bespritzte Stelle ihres Hauskittels auf die linke Handwurzel, holt den Seifenklumpen vom Boden des Zubers hervor, reibt über die Stelle, bis der Blutschmutz ausgerieben ist. Willst du dich dort krumm stehen? sagt sie, komm rein oder geh raus. Ich schließe die Tür hinter mir und sehe ihr dabei zu, wie sie ihr Gewicht vom rechten auf das linke und wieder zurück auf das rechte Knie verlagert. In der schönen Hitze will ich bleiben. Mach das noch mal, sage ich. Was soll ich machen? sagt sie. Du sollst unter dem Wasser mit den Flügeln schlagen, sage ich. Ich habe keine Zeit für Spiele, sagt sie, und dann, nach ein paar Wimpernschlägen, wird das Wasser unruhig, ich trete an den Waschzuber heran, um besser sehen zu können. Sie hat die Daumen verhakt zum Kopf einer Taube, und die abstehenden Finger sind die Federn zweier Flügel im rosarot gefärbten Wasser, die Taube fliegt hin und her, meine Mutter gurrt dazu, dann wird sie still und starrt auf einen Fleck am Boden, auf etwas, das nur sie sehen kann. Was hat er mit dir gemacht? Seine Hand fährt aus, wenn er Ungehorsam wittert, sagt sie, was soll er schon getan haben?! Wo sind sie alle hin? Sage ich. Er hat Meltem mitgenommen auf seine Geschäftsreise, in zwei Tagen wird er wieder kommen. Die anderen sind draußen. Selda ruft nach mir, und ich trete heraus aus der heißen Kammer, helfe ihr die Bodenbetten einzurollen und an der Wand aufeinander zu türmen. Wir bestücken die Orangenschalen mit Nelken und legen sie auf die Ofenplatte. Sofort riecht es wie in einer Wundertraumkammer.Von mir aus können die Orangen im Garten verderben. Ich beuge mich über die Ofenplatte und ziehe die Luft ein, doch als Selda mich ermahnt, den Teufel nicht durch gefährliche Spiele hervorzulocken, wende ich mich ab. Ich schlüpfe aus dem Nachtkittel und hinein in das Kleid aus Wäschestoff, setze mich auf ein eingerolltes Bodenbett und warte, bis ich an die Reihe komme. Erst Resul, dann Tolga, dann Selda und schließlich ich. Meine Mutter sagt, ich solle mich jetzt bereit halten. Sie holt einen Kessel warmes Wasser aus dem Ofen, sie zieht mir das Kleid über den Kopf, drückt mir den Waschlappen aus alten Nylonstrümpfen in die Hand. Erst gestern hat sie die Fußteile abgeschnitten, die Beinteile übereinander gelegt und sie zusammengenäht. Als sie mir die grüne Seife geben will, schließe ich die Augen, sie stinkt. Chinasultanseife, sage ich, ich mag sie nicht. Chininsulfatseife, sagt Selda im Türrahmen, mach jetzt zu, Mädchen! Der Schaum stinkt, sage ich, bitte nicht. Wo kommen wir hin, wenn wir dem Kleinsten der Familie seinen Willen lassen, sagt Selda, sie schöpft mit der Messingschale heißes Wasser aus dem Kessel und neigt sie leicht über die Schaumquaste. Ich seife mich blitzschnell ein, ich reinige mich, meine Mädchenschönheiten muß ich besonders säubern, weil meine Mutter darauf achtet, daß wir nicht übel riechen. Selda reibt mich trocken und hält mir die Windelhemdhose hin, sie ist aus amerikanischem Stoff, sagt meine Mutter, das steife Nesseltuch scheuert mich hinten und vorne wund. Ich mag sie nicht anziehen, doch ich muß.

Aus: Wildnis. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2005

Bücher

Feridun Zaimoglu
Siebentürmeviertel.
Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

Selbstverschwendung in drei Bildern (Stefan Zweig Poetikvorlesungen 2).
Sonderzahl Verlag, Wien 2014

Isabel.
Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

Der Mietmaler. Eine Liebesgeschichte.
Mit 18 eigenen Illustrationen. Verlag LangenMüller, München 2013.

Ruß.
Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2011

Hinterland.
Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2009

Rom Intensiv. Mein Jahr in der ewigen Stadt.
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2007

Leyla.
Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2006

Wildnis.
Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2005

Zwölf Gramm Glück.
Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2004

Leinwand.
Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2003

German Amok.
Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2002

Kopf und Kragen. Kanak-Kultur-Kompendium.
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001

Liebesmal, scharlachrot.
Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2000

Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellschaft.
Rotbuch Verlag, Hamburg 1998

Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun.
Rotbuch Verlag, Hamburg 1997

Kanak Sprak. 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft.
Rotbuch Verlag, Hamburg 1995

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