Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Eleonora Hummel

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2006

geboren 1970 in Zelinograd/ Kasachstan. 1980 zog sie mit ihrer Familie in den Nordkaukasus und siedelte zwei Jahre später nach Dresden über. Ausbildung zur Physiklaborantin und Fremdsprachenkorrespondentin. Sie arbeitet seit 1994 als Fremdsprachensekretärin an der TU Dresden und veröffentlicht seit 2000 Prosa in verschiedenen Literaturzeitschriften, unter anderem in Federwelt, Signum, Am Erker, Der Maskenball. Eleonora Hummel erhielt mehrere Stipendien, unter anderem das des 5. Klagenfurter Literaturkurses 2001, eine Einladung des Literaturhauses München zur Werkstatt für Romanautoren (Textwerk) 2003, ein Aufenthaltsstipendium für Literatur im Künstlerdorf Schöppingen 2003/04 und ein Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für sächsische Schriftsteller 2005.

Auszeichnungen:
Förderpreis zum Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg für Literatur, 2002
Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Muttersprache, 2011

Leseprobe

Das Gold von Sugdeja

Da ich schon in der Nähe war, habe ich das alte Haus besucht. Ich nenne es so, dabei ist ja nur noch das Fundament übrig. Selbst das ist nicht mehr sichtbar. Während des Krieges wurden die Mauern Stein für Stein abgetragen, um Baustoffe für eine Munitionsfabrik zu sammeln.

Ich komme nicht oft hierher. Im Sommer sind die Strände zu voll, im Winter ist alles grau. Jedes Mal, wenn ich an diesem Ort bin, überlege ich, welches Leben ich heute leben würde, wäre ich hier aufgewachsen. Egal womit ich beschäftigt bin, irgendwann schleicht sich dieser Gedanke ein. Er fühlt sich an wie eine kleine Träumerei, die gut ist für einen Rückzug aus dem Alltag, mitunter bittersüß, aber doch immer harmlos. Mit den Jahren habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich weiß, ich kann ihn jederzeit wieder verscheuchen, und so tun, als sei er mindestens so gut verpackt wie unsere Weihnachtsbaumkugeln im Aufbewahrungskarton auf dem Dachboden, an die sich elf Monate im Jahr keiner erinnert. Der Gedanke verfolgt mich nicht. Er kommt, wenn ich hier auf Durchreise bin, und geht, wenn ich diesen Flecken verlasse. Trotzdem finde ich ihn manchmal lästig. Heute macht er mich geradezu wütend. Ich höre es an meinen Schritten. Meine Schuhsohlen versinken im Straßenstaub und machen dennoch klack-klack. Vielleicht ist es nur für mich zu hören? Ich trete mit dem Absatz auf ein Steinchen, mein rechter Fuß knickt um. Diese Schuhe sind ein Ärgernis.

Ich bleibe stehen, reibe den schmerzenden Knöchel und sehe mir aus einiger Entfernung die kleine Pension an, die sich vollmundig Hotel nennt und auf dem Fundament des zerstörten Sommersitzes der Familie Kotschur erbaut wurde. Ich kenne die Wirtin, sie ist redselig und führt ihre Gäste gerne in den ehemals 20 Meter langen Weinkeller, den einzigen original erhaltenen Gebäudeteil, der auf die Kotschurs zurückgeht, wie sie betont. Sie habe lediglich über dem Eingang eine Tafel anbringen lassen, mit einer antik verschnörkelten Inschrift, die den Wein, die Rebe, den Sonnenschein und allzeit volle Becher anpreist.

Ob der Reim von Puschkin sei, habe ich gefragt. Nicht ausgeschlossen, war die Antwort der Wirtin, von einem Zwinkern begleitet.

(unveröffentlicht)

Bücher

Eleonora Hummel
In guten Händen, in einem schönen Land.
Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2013

Die Venus im Fenster.
Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2009

Die Fische von Berlin.

Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2005

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