Sudabeh Mohafez

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2006

geboren 1963 in Teheran/Iran. 1979 Umsiedlung nach Deutschland, Abitur in Berlin, Studium der Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Langjährige Tätigkeit in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen und im Bereich der Gewaltprävention und Krisenintervention. 1999 erste Veröffentlichungen von Erzählungen in Literaturzeitschriften (Entwürfe, Konzepte) und Anthologien, seit 2001 auch als Lektorin, Übersetzerin und Leiterin von Schreibwerkstätten tätig, seit 2004 für Jugendliche mit mehrsprachigem oder nicht-deutschsprachigem Hintergrund. Sudabeh Mohafez lebt als freie Autorin in Berlin und Lissabon.
2004 erhielt sie ein Stipendium des Berliner Senats für die Arbeit an ihrem Roman, 2006 den WMLiteratur-Preis der FIFA für einen Kurzroman, der in einer Schreibwerkstatt von ihr entstanden ist, und ein Arbeitsstipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Für 2007 wurden ihr Stipendien der Stiftung Preußische Seehandlung und des Stuttgarter Schriftstellerhauses zuerkannt, außerdem die Poetikdozentur der Fachhochschule Wiesbaden.

Leseprobe

Am liebsten sind mir die Fledermäuse. Sie sind still, beweglich, vergnügt. Tonlos fliegen sie durch die Dämmerung, flattern, machen Hängebögen in die Luft und verschwinden schneller, als man es sich versieht. Am allerliebsten sind mir die Fledermäuse. Ihr Flug hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem der Schwalben. Jedenfalls scheint es mir so. Cátia meint, Schwalben und Fledermäuse könne man nicht vergleichen. Sie meint, das sei so, als vergleiche man den Atlantik mit dem Bodensee. Ich frage mich, wie sie ausgerechnet auf den Bodensee kommt. Dann frage ich Cátia. Sie sieht mich an mit ihren kleinen, schmalen, kurzwimprigen Zauberaugen und sagt: »Das ist jetzt nicht dein Ernst, Afonso!« Sie steht auf und rupft Unkraut oder sieht nach den Kürbissen, obwohl gar nicht mehr genug Licht am Himmel ist, um Unkraut zu rupfen oder nach den Kürbissen zu sehen. Also denke ich nach. Ich denke darüber nach, was es mit dieser Verbindung von Bodensee und Atlantik auf sich hat. Und dann fällt mir Ingrid ein.
Ingrid wohnt am Bodensee. Sie wurde dort geboren, sie lebte dort, bis sie mit dem Studium anfing, und sie ging dorthin zurück, als ich sie verließ, sie und Graça. Ich habe sie verlassen, beide. Habe die Kleine bei ihrer Mutter gelassen und bin heimgefahren, zurück, hierher. Ingrid habe ich verloren. Graça hat darauf bestanden, Treibgut zu sein: sie hat sich immer wieder in mein Leben gespült. So lange, bis ich begriff, daß der Himmel nicht endlos großzügig ist mit seiner Gnade, daß man auflesen muß, was er einem gibt, daß man es hegen und pflegen muß, wie Cátia es mit ihren Kürbisse tut.
All das fällt mir ein, und natürlich verstehe ich jetzt, wieso Cátia findet, daß man den Atlantik nicht mit dem Bodensee vergleichen kann. Ihre Mutter brachte Cátia in einem großen Haus an der Küste zur Welt, mit Hilfe ihres Zimmermädchens, der Putzfrau und der ortsansässigen Hebamme. Sie brachte sie im Herrenhaus eines Gutes nicht weit von hier, bei Leça, zur Welt, sozusagen im Schaumsprühen des Atlantik.
Dennoch bin ich mir nicht wirklich sicher, ob Schwalben und Fledermäuse so unvergleichbar sind. Cátia und Ingrid jedenfalls kann man auf keinen Fall vergleichen, und ich glaube, das war es, was sie vorhin sagen wollte.
Cátia hat genug von Kürbissen und Unkraut. Sie setzt sich neben mich auf die Bank, legt mir die Hand auf den Schenkel und ich frage sie, ob es die Fledermäuse sind, die zum Atlantik gehören, oder die Schwalben. Dann sehen wir hinunter aufs Wasser. Es ist Flut, und die Brandung ist hoch. Wir hören sie bis hier oben. Wir lauschen. Vom Atlantik sind nur schaumweiße Bänder in Schwarz zu sehen. Cátia legt sich das Wolltuch um die Schultern. Mich fröstelt. Wir gehen ins Haus.
Beim Zähneputzen murmelt sie etwas. Ich verstehe sie nicht. Sie wiederholt es, und beim Einschlafen denke ich über ihre Worte nach.
»Es sind doch die Fledermäuse, die du liebst, Afonso. Warum stellst du so überflüssige Fragen?«
Solche Dinge sagt sie manchmal Minuten vor meinem Schlaf. Dinge, die mich in den Nächten wachhalten. Dann gehe ich ans Fenster. Hinter mir im Bett webt Cátia ihr leises Schnarchen. Ich sehe in die Nacht, lausche dem Meer und denke über Cátias Worte nach. Die Fledermäuse, das stimmt, die liebe ich über alles.
Im Dunkeln kann Cátia sie kaum ausmachen, als ich mich zu ihr umwende. Ich will ihr sagen, daß es die Fledermäuse sind, die zum Atlantik gehören, und daß ich gar nicht weiß, wieso ich so lange gebraucht habe, um das zu verstehen. Aber dann bringe ich es nicht übers Herz, sie zu wecken.

 

Aus einem Work in Progress

Bibliografie

Sudabeh Mohafez
Wüstenhimmel, Sternenland. Erzählungen. Zürich-Hamburg: Arche Verlag, 2004

Gespräch in Meeresnähe. Roman. Zürich-Hamburg: Arche Verlag, 2005