Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Zsuzsanna Gahse

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2006

geboren 1946 in Budapest. 1956 Flucht aus Ungarn mit den Eltern, Gymnasialzeit in Wien und Kassel. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert in Stuttgart lebt sie jetzt in Müllheim/Thurgau.
Seit 1969 Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften wie Akzente, Neue Deutsche Literatur und Neue Sirene.
Seit 1987 Übersetzungen aus dem Ungarischen von unter anderem Péter Esterházy, Miklós Mészöly, Péter Nádas, Zsuzsa Rakovsky, Endre Kukorelly, István Vörös, Otto Tolnai. Texte für Bildende Kunst, Szenische Arbeiten: »Leidlos« (UA im Kammertheater Stuttgart 1993) und mit Christoph Rütimann »LEVER oder die Morgenstunde« (UA in Zug 1994), »A.V.D.H. Ansicht Vorsicht Durchsicht Halt« (UA in Münster 1997), »Kaktuswortfahrt« (Performance im Engadin 2000). Zsuzsanna Gahse erhielt zahlreiche Stipendien (Kunststiftung Baden-Württemberg 1983, Edenkoben, 1987, Stadtbeobachterin in Zug, 1993), und Auszeichnungen. Aufenthalt in London als Gast der Zuger Kulturstiftung Landis und Gyr, 2007. Sie hatte einen Lehrauftrag (Schreibwerkstatt) an der Universität Tübingen von 1989–93, 1993 die Poetik-Dozentur an der Universität Bamberg und 2008 die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur inne.

Auszeichungen:
Aspekte-Literaturpreis des ZDF, 1984
Preis der Stadt Wiesbaden in Klagenfurt, 1986
Stuttgarter Literaturpreis, 1990
Tibor-Déry-Preis für Übersetzungen, 1999
Werkpreis der Schweiter Schillerstiftung, 2004
Bodenseepreis der Stadt Überlingen, 2004
Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzungen
Thurgauer Literaturpreis, 2010

Leseprobe

Beinahe…
… alle im folgenden Text enthaltenen Wörter haben ein Virus. Möglicherweise stecken sie die noch intakten Nachbarwörter an, bzw. die Wörter, die hier stehen könnten und vor lauter Angst doch nicht stehen. (Verstummungsgefahr.) — Der erste August ist ein Nationalfeiertag in der Schweiz und jeweils mit entsprechend viel Lärm verbunden. Während in diesem Jahr am Abend farbige Raketen durch die Luft flogen, so dass kaum noch die eigene Stimme zu vernehmen war (vernehmen ist ein besonders infiziertes Wort, wobei »infiziert« ebenso schlecht dran ist, viele sagen »infisziert«, und damit ist das Wort tot), kam es in Luzern zu einem Vorfall, der inzwischen Fenstersturz genannt wird. Oder man sagt einfach »Brückli« und wer sich auskennt, weiß Bescheid, wer sich nicht auskennt, kann nicht mitreden. Erst hieß es, eine junge spärlich (spärlich!) bekleidete Frau habe sich zu Tode gestürzt, die Zeitungen (Zeitungen!) meldeten dann, in der Pfistergasse (nahe dem Brückli) sei die Puppe Olimpia aus dem Fenster gefallen und auf dem Straßenpflaster zerschellt, und tatsächlich handelte es sich bei diesem Vorfall um eine lebensgroße Puppe. Zuvor war Olimpia mehrere Wochen lang im dritten Stockwerk der zum Großteil rot beleuchteten Zimmerfluchten oberhalb des Restaurants Brückli zu sehen (was für ein Satz!, aus dem kann man einem getrost einen Strick drehen!), sie war eine Sonderanfertigung der Firma Pygmalion, stand von den Nachmittagsstunden an am Fenster, bis in die Nacht hinein, und sie konnte winken und nicken usw. — Über die Firma Pygmalion, Automatenhersteller, war in den Berichten nichts zu lesen. Pygmalion ist aber ein verdrehter, kaputter, liebloser, verschleierter, unehrlicher Name, und leider ist der ursprüngliche Sinn des Namens nicht wirklich wieder herzustellen (herstellen!). Das Wort wird trotz dieser Zeilen nie mehr das sagen können, was es einmal sagen wollte, die Bedeutung ist verloren, obwohl sie heute noch halbwegs verständlich wäre. Aber sobald jemand den Namen ausspricht und sagt, da komme Pygmalion, sieht jeder den liebevollen, kunstvollen, verständigen Mann, der eine Frau zum Leben erweckt und ihr obendrein seine Liebe gibt,schenkt (schenken, einschenken, ausschenken. Und an dieser Stelle darf man sich die Liebe des Firmenleiters zur Puppe Olimpia ausmalen.) — Der ursprüngliche Pygmalion war kein Bildhauer. War auch nicht gerade schöpferisch. Nicht aus diesem Grunde mieden ihn die Frauen, und warum sie ihn und ob sie ihn wirklich mieden, ist nicht bekannt. Es mag wohl (wohl!) stimmen, was dem vermeintlichen Künstler, dem Bildhauer nachgesagt wird. Dass er eine Frau besitzen oder haben wollte, die besser (besser!) als alle wirklichen Frauen war. Warum er das wollte, ist die erste Frage. Dieser Mann hatte insofern Pech im Leben, als daß er klein geraten war, er war pyg. Neben ihm gab es andere Männer, die nicht größer waren und trotzdem andere Sorgen hatten oder keine. Pygmalion hingegen wurde einmal und dann noch einmal bei Statuen gesehen, er wurde bei Heiligenstatuen erwischt, und zwar nicht, weil er diese Statuen (und welches Wort hier nun auch folgen mag, es kann nicht intakt sein!) gemeißelt, geschliffen oder gehauen hätte. Er hatte sich an diversen weiblichen Heiligenstatuen vergangen (vergangen). Aber noch in der Vergangenheit wurde die Geschichte schnell korrigiert und verändert, und verkehrt herum erzählt. Andererseits hat sie sich bis heute nicht so grundsätzlich umgekehrt, dass man sie nicht wieder auf die Füße stellen könnte, und es ist bemerkenswert, dass sie (sie!) die ehemaligen Inhalte noch mitschleppt. Nur wird man hier nichts so leicht auf die Füße stellen können oder wollen, denn irgendwo wird wieder ein weiblicher Automat herumstehen, in einem Schaufenster, in einem Fenster, und wegen der Nachfrage und des Angebots und weil … Lassen wir das. (Verstummungsgefahr.)

 

(unveröffentlicht)

Bücher

Zsuzsanna Gahse
Helmut Heißenbüttel – Weit vorne. 12. Juni 2016.
Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2016

JAN, JANKA, SARA und ich.
Edition Korrespondenzen, Wien 2015

Die Erbschaft.
Mit Zeichnungen von Anna Luchs. Edition Korrespondenzen, Wien 2013

Südsudelbuch.
Edition Korrespondenzen, Wien 2012

Donauwürfel.
Edition Korrespondenzen, Wien 2010

Das Nichts in Venedig.
Verlag Martin Wallimann, Alpnach, 2010

Erzählinseln.
Reden für Dresden. Thelem Verlag, Dresden 2009

Oh, Roman,
Edition Korrespondenzen, Wien 2008

Instabile Texte/zu zweit.
Edition Korrespondenzen, Wien 2005

Blicken.
Mit Klaus Merz. Bild-Lyrik-Projekt von Nikolaus Lenherr. Verlag Martin Wallimann, Alpnach Dorf 2004

durch und durch, Müllheim/Thur in drei Kapiteln.
Edition Korrespondenzen, Wien 2004

Kaktus haben.
Buchobjekt mit einem Siebdruck von Christoph Rütimann. Edition Nyffeler & Wallimann, Altdorf 2000

Calgary. April 1997.
Mit einer Zeichnung von Christoph Rütimann. Keicher, Leonberg-Warmbronn 2000

Nichts ist wie oder Rosa kehrt nicht zurück.
Roman. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1999

Wie geht es dem Text?
Bamberger Vorlesungen. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1997

Auskünfte von und über Zsuzsanna Gahse.
Hrsg. von Wulf Segebrecht. Fußnoten zur Literatur, Bamberg 1996

Kellnerroman.
Prosa. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1996

Passepartout.
Prosa. Wieser, Klagenfurt/Salzburg 1994

Sandor Petöfi, Rede am 15. März 1848.
Essay. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1993

Essig und Öl.
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1992

Nachtarbeit.
Prosa. Keicher, Leonberg-Warmbronn 1991

Hundertundein Stilleben.
Prosa. Wieser, Klagenfurt/Salzburg 1991

Einfach eben Edenkoben.
Wieser, Klagenfurt/ Salzburg 1990

Stadt · Land · Fluß.
Geschichten. List, München 1988

Liedrige Stücke.
Keicher, Leonberg-Warmbronn 1987

Abendgesellschaft.
Piper, München 1986

Berganza.
Erzählung. List, München 1984.

Zero.
Prosa. List, München 1983

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