Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Luo Lingyuan

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2007

geboren 1963 in der Volksrepublik China. Sie studierte Computerwissenschaften und Journalismus und lebt seit 1980 in Berlin. Seit 1992 Veröffentlichungen in chinesischer und deutscher Sprache in Zeitschriften und Anthologien. Sie erhielt mehrere Stipendien wie das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste in Berlin, 2000, das Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2001, das Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin, 2002, und das Aufenthaltsstipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, 2003.

Leseprobe

Ein deutsches Kopfkissen

Ein großes deutsches Kopfkissen von den Ausmaßen eines Kaffeehaustisches liegt mit hochgewölbtem Bauch am oberen Ende des Bettes. Wie ein großer Hexenmeister einen kleinen übersieht, so blickt es hochmütig auf das flache, kaum DIN-A4 große chinesische Kissen an seiner Seite und den darauf gebetteten Kopf der kleinen Chinesin hinweg. In diesem glänzt ein rundes nachtschwarzes Augenpaar, das im fahlen Dämmerlicht starr auf das bedrohliche Monstrum gerichtet ist. Plötzlich hebt sich der Arm der kleinen Chinesin und saust mit aller Kraft auf das neben ihr liegende Kopfkissen. »Puff« entweicht die Luft aus dem von der schlanken Hand platt geschlagenen großen Kopfkissenbauch. Befriedigt kehrt die Hand zurück unter die Bettdecke. Die schwarzen Augen schließen sich für eine Sekunde, öffnen sich und starren erneut auf das Kopfkissen.
Yuchi Yuni traut ihren Augen nicht: Im Nu hat sich das große Kopfkissen wieder mit Luft gefüllt und seine ursprüngliche Gestalt angenommen. Sogar das Wiedereinströmen der Luft glaubt Yuni vernommen zu haben. Es ist so weiß und prall wie der Bauch einer Schwangeren und plustert sich so vornehm auf, als sei es von einzigartiger Kostbarkeit.
Yuni erträgt es nicht länger, sie wirbelt im Bett herum, zieht die Beine an und katapultiert sie nach vorn. Das Kissen macht einen Purzelbaum, dreht sich noch einmal und plumpst auf den Boden. Die Welt vor Yunis Augen ist plötzlich viel größer geworden und die Beklemmung in ihrer Brust ist gewichen.
In der nächtlichen Dunkelheit vor ihrem Fenster ist schon lange niemand mehr vorbeigekommen. Lediglich das gleichmäßige Geräusch der Autos im Kreisverkehr dringt an ihr Ohr. Die Bewohner der Wielandstraße rings herum schlummern längst und auch das Liebespaar im Hinterhof, das häufig mitten in der Nacht und stets bei offenem Fenster seine Lust herausschreit, ist nach der heutigen Runde friedlich in Schlaf gesunken. Yuni jedoch wälzt sich noch immer schlaflos hin und her.
Endlich hört sie ein Motorrad am oberen Ende der Straße auf. Das ist gewiss ihr heimkehrender Freund »Balla Balla«. Aber das Motorrad knattert am Fenster vorbei, ohne anzuhalten und das Motorengeräusch wird wieder leiser. Yuni sinkt in sich zusammen. Die Enttäuschung liegt ihr wie ein gewaltiger Kloß in der Brust.
Als das Motorrad endgültig weg ist, verlässt sie das Bett. Drei Uhr morgens. Yuni öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und blickt auf die Straße. Im fahlgelben Licht der Straßenlaternen ist keine Menschenseele zu sehen. Nach einer ganzen Weile vernimmt sie Schritte, die langsam näher kommen. Es scheint sich um einen Betrunkenen zu handeln, die Schritte sind abwechselndleicht und schwer. Eine Flasche zerschellt auf dem Boden, und am anderen Ende der Straße fängt ein Hund an zu bellen. Der Betrunkene regt sich darüber auf und fängt an zu schimpfen. An seiner kaputten Stimme, die aus einer vom Alkohol zerlöcherten Kehle zu kommen scheint, erkennt Yuni den Hausmeister.
Im Fenster des kleinen Puffs schräg gegenüber sind kleine rote Lämpchen zu einem Herz angeordnet und blinken hinaus in die Nacht. AN – AUS – AN – AUS. Komm rein, komm rein. AN – AUS – AN – AUS. Komm rein, hier schlägt noch ein Herz.
Yuni schaut eine Weile zu. Wer da wohl drin ist? Seit einem Jahr wohnt sie jetzt hier in diesem Land, in dieser Straße, in dieser Wohnung, aber an das Bordell da drüben kann sie sich nicht gewöhnen.
Sie will gerade zurück ins Bett gehen, als plötzlich die Tür des Puffs aufgerissen wird. Ein Mann mit kurzem Haar kommt heraus. Sie glaubt das Gel riechen zu können, das auf seinem Kopf glänzt. Yuni beugt sich weit vor. Sie möchte wirklich gern wissen, wie ein Mann aussieht, der mitten in der Nacht aus einem Puff kommt. Der Mann senkt jedoch den Kopf und steckt sich eine Zigarette an. Er schlendert in aller Seelenruhe und selbstzufrieden davon, biegt um die Ecke und ist verschwunden.
Yuni schließt das Fenster und geht in die Küche, um Wasser für eine heiße Sojamilch aufzusetzen. Neben dem Herd hängt ein Kalender, die Markierung steht auf dem 7. Juni. Wütend dreht sie den Kalender zur Wand und knipst das Licht aus. Die zischende blaue Flamme des Gasherds beleuchtet die Küche. Wird es draußen schon hell?
Als sie die Sojamilch getrunken hat und gerade wieder ins Bett gehen will, hört sie, wie sich langsam ein Schlüssel im Schloss dreht, jemand hereinkommt und seine Schuhe auszieht. Die Person macht kein Licht. Leise und vorsichtig schleicht sie den Flur entlang. Als der Umriss des Mannes in der Küchentür sichtbar wird, sagt Yuni: »Guten Morgen, Schatz«.
Der Mann ist gerade dabei, behutsam ein Bein vorzustrecken, um mit den Zehen nach den verräterisch knarrenden Dielen zu tasten. Als er jetzt plötzlich angesprochen wird, erschrickt er zu Tode. Es dauert fast zwei Sekunden, bis er die Kontrolle über seinen Körper wiedergewinnt und den Kopf zur Küche hin dreht. In der Dunkelheit erkennt er den schemenhaften Umriss der jungen Frau, die am Küchentisch sitzt.

Ausschnitt aus dem unveröffentlichten Erzählband »Nachtschwimmen im Rhein«

Bücher

Luo Lingyuan
Das Mädchen, der Koch und der Drache.
Roman. Quadriga Verlag, Berlin 2013

Wie eine Chinesin schwanger wird.

Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009

Nachtschwimmen im Rhein.
Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008

Die Sterne von Shenzhen.
Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008

Die chinesische Delegation.
Roman oder Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007

Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!
Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München2005