Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Magdalena Sadlon

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2007

geboren 1956 in Zlaté Moravce, Slowakei. 1968 emigrierte sie mit der Familie nach Österreich. Nach dem Studium der Slawistik an der Universität Wien und der Schauspielausbildung am Brucknerkonservatorium Linz arbeitete sie seit 1981 am Theater (dem Kellertheater Linz, am Musischen Zentrum und für freie Gruppen) sowie bei Experimentalfilmen an der Filmakademie Wien. Außerdem übersetzte sie aus dem Slowakischen für Lesungen, Zeitschriften und den Rundfunk. Seit 1984 lebt sie als Schriftstellerin in Wien, Niederösterreich und der Slowakei. Neben ihren Büchern hat sie Lyrik und Prosa in einer Reihe von Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht.
Magdalena Sadlon erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien (u.a. 1993 das Staatsstipendium für Literatur, 1996 das Wiener Autorenstipendium und 2000 das Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf).

Auszeichnungen:

Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich, 1990 und 1999
Förderungspreis der Stadt Wien, 1990
Theodor-Körner-Preis, 1992

Leseprobe

25.

Wie einfach das Leben ist, so überschaubar in den Bedürfnissen der Menschen, wenn man sich auf sie einläßt. So wie in jeder beliebigen Küche das Besteck und die Gläser leicht auffindbar sind, die Toilette am Ende des Ganges ist oder gleich um die Ecke. Und schon fühlt man sich zu Hause. Man plaziert den Blumentopf, hängt ein Bild in die vordefinierte Ordnung, und es paßt. Als hätte es nur auf einen gewartet, als ob man selbst von Anfang an das Konzept erdacht hätte. Dies überlegte Johanna, während sie die soeben in GregorsWohnung aufgehängte Fotografie betrachtete. Darauf war eine alte Frau zu sehen, die wahrscheinlich in einem Gastgarten, auf einem Sessel sitzend, eingenickt war.
»Das muß wirklich nicht sein«, schimpfte Gregor, der durch das Geklopfe angelockt ins Zimmer kam. »Wir Männer suchen immer den gedeckten Tisch und dann das Bett, und ihr seid immer am Nestbauen!«
»Soll ich es wieder abhängen?« fragte Johanna kleinlaut.
»Laß das verdammte Bild hängen. Tu mir aber bitte den Gefallen, fühl dich zwar wie zu Hause, aber sei hier nicht zu Hause.« Und dann murmelte er: »Wieso wollen alle Menschen mehr, als man ihnen geben kann?«
»Das habe ich gehört«, sagte Johanna. »Soll ich wieder gehen?«
»Nein, nicht wenn du bleiben willst. Ich will nur, daß alles klar ist. Von Anfang an, verstehst?«
»Du bist also nicht verliebt in mich oder so?«
»Genau. Auch nicht oder so.«
Und was haben wir dann? Wir zwei? Zusammen?«
»Leidenschaft. Ist das nicht genug? Leidenschaft ist ansteckend, Liebe ist vergänglich. Außerdem laufen Verliebte ständig am Strand herum und spielen Fangen auf der Wiese und im Wald und überall.« Gregor holte sich ein Bier und setzte sich zu ihr: »Dafür bin ich nicht der Typ. Weißt, ich glaube, sogar der Traum von einem blühenden Garten um das Nest hat bei den meisten nur den Zweck, daß sie um ihr eigenes Haus herumlaufen können.«
»Du magst die Menschen nicht. Du magst die Natur nicht, auch keine Blumen, oder? Alles, was ein wenig geborgen anmutet, ist dir zuwider. Du magst nicht berührt werden, weder vom Leben noch von irgendwem.«
»Die Natur und die Geborgenheit sind zwei völlig verschiedene Baustellen.«
»Für mich nicht.«
»Ich weiß, du gestrandetes Küstenkind.« Er zog sie an sich, küßte ihre Augen, als würde er einem Kind die Tränen wegküssen. »Glaub mir, man ist nur in die Euphorie verliebt, die das Verliebtsein in einem auslöst. Letztlich geht man niemandem ab.« Er prüfte die Wirkung seiner Rede in ihrem Gesicht, konnte aber nichts herauslesen. »Auch ein Gedicht besteht nicht aus Gefühlen, sondern bloß aus Worten.«
Johanna sah ihn abwesend an. »Für mich ist die Liebe die Vorstellung, jemand steht fünf Minuten früher auf und macht, daß die Sonne scheint.«
»Das klingt wie aus dem Kinderfernsehen«, sagte Gregor abwehrend. »Es dreht sich nur um die Illusionsbildung der Liebe, die sich über das Reale hinwegsetzt. Und ich, mein Schatz, brauche für diese kurzen Selbstbetrug nicht noch jemanden zweiten. Das wäre mir zu anstrengend.«
»Ich glaube, anstrengend ist, zu sein wie du. Dein fest verfugtes Gerüst, wie aus Badezimmerfliesen oder unverrückbaren Pflastersteinen, ist eine hohle Wand aus Sprüchen, die nur den ganzen Schrott aus Beziehungsangst verdecken sollen, der darunterliegt.« Johanna ging ins Badezimmer und wusch einige Male ihr Gesicht mit kaltem Wasser ab. Gregor folgte ihr wie ein Hündchen. Er lehnte sich an den Türrahmen: »Nein, Frau Gscheit, ich brauche wirklich niemanden zum Zusammensein, zum Lieben. Ab und zu brauche ich vielleicht jemanden, um mich abzugrenzen.« Er zog, mit einer Hand, ihr nasses Gesicht zu seiner Schulter und griff ihr hart an die Brust. »Körperkontakt ja, aber Vorsicht, der Körperkontakt ist auch Machtspiel, denn er erzeugt den Impuls zur Monogamie.«
Johanna entwand sich seiner groben Umarmung und fuhr mit einem Finger einige Fugen zwischen den Kacheln ab, dann zwängte sie sich an ihm vorbei und ging ins Zimmer. Gregor folgte ihr: »Und Monogamie ist sicher nicht der Versuch, sein Gegenüber zu verstehen, es zu befriedigen. Monogamie ist das Bedürfnis, sich den anderen einzuverleiben, um ihn anschließend selbst zu verkörpern. Schau dir die alten Pärchen an, wie die einander gleichen!«
»Es ist einfach, eine schöne Frau zu streicheln«, sagte Johanna verächtlich.

 

Aus: Solange es schön ist. Zsolnay Verlag,Wien 2006

Bücher

Magdalena Sadlon
Solange es schön ist.
Roman. Zsolnay Verlag,Wien 2006

Die wunderbaren Wege.
Roman. Wien: Zsolnay Verlag, 1999

Entweder Olga.
Prosa. gangan Verlag, Graz 1993

Man sucht ein Leben lang.
41 Anagramme. gangan Verlag, Graz 1988