Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Hussain Al-Mozany

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2003

Geboren 1954 in Amarah/Irak.
Nach dem Schulbesuch in Bagdad seit 1978 journalistische Tätigkeiten im Libanon, 1980 Übersiedlung nach Deutschland. Studium der Arabistik, Islamwissenschaft, Germanistik und Publizistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster mit Magisterabschluß. Durchführung von Arabisch-Sprachkursen in verschiedenen Spracheninstituten und Bildungseinrichtungen, 1993–94 Leiter des Büros IAF–Verband binationaler Familien und Partnerschaften.
Seit 1998 lebt er in Köln als freiberuflicher Schriftsteller und Übersetzer deutscher Literatur ins Arabische, darunter: Nicolas Born, Die Fälschung; Günter Grass, Die Blechtrommel; Robert Musil, Drei Frauen; Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge; zahlreiche Essays, Erzählungen und Gedichte von Walter Benjamin, Elias Canetti, Hans Georg Gadamer, Jürgen Habermas, Wolfgang Hildesheimer, Judith Hermann, Paul Klee und anderen. 2009 übernahm er die 8. Chamisso-Poetikdozentur an der TU Dresden. Al-Mozany ist am 7. Dezember 2016 gestorben.

Leseprobe

Der wahre Othello
Man solle einen Hals wie ein Kamel haben, lautet eine alte arabische Weisheit, damit der Zorn sich auf dem langen Weg beruhige. Denn das Wort könne den Beginn einer Liebe bedeuten, aber auch den eines Mordes.
In der Regel schreitet man lieber zur Tat, als einen Kamelhals zu haben. So wird jene Mahnung mit ihrem geradezu verpflichtenden Klugheitspathos außer Kraft gesetzt und das Blut fließt.
Nun stehe ich, der Täter, vor vollendeten Tatsachen. Es macht wirklich wenig Sinn, die Mordtat unter dem Deckmantel der Rechtfertigung schön zu reden. Das Blut des großen Fleischbarons, des Moguls der Rheinmetropole, Reinhold Klimp, habe ich, der Fremde, vergossen während eines maliziöserhabenen Momentes. Verstümmelt, verkrüppelt, halbtot.
Was nützt nun dieses Hyänengeheul über dem Scherbenhaufen! Die Nachwelt, so heißt es, kann alles von dem vermeintlich heimgesuchten, deutschkranken Fleischhändler aus erster Hand erfahren. Daß ausgerechnet Klimp von mir zum Opfer ausersehen wurde, bedarf selbstverständlich einer langen Erklärung. Mir kommt die Aufgabe zu, die tieferen Beweggründe offenzulegen.
Die ganze Geschichte begann unverfänglich und harmlos: Jemand wollte seine schleichende Verdeutschung abschütteln. Doch es kam anders, völlig unerwartet.

Vom Köln-Bonner Flughafen gestartet, landete die Maschine der Egypt Air auf der flachen Ebene Nordafrikas, im hellbraunen Land Ägypten. Die Sonne, von deren Untergang ich in der letzten, fast schlaflosen Nacht geträumt hatte, war schon vor einer Stunde hinter einem orangefarbenen Vorhang verschwunden. Laternen beleuchteten die weite Landebahn, die sich kaum von der Abendwüste unterschied.
Ich atmete einen sonnengetränkten, schweren Geruch, den seltsam rauhen Geruch des frühnächtlichen Orients. Das auf den schwarzen Boden gegossene gelbe Licht breitete eine träge Hitze aus. Ein Flugzeug hielt sich startbereit, doch bevor es abhob, stieß es dichte Abgase aus, die mir in Mund und Nase stiegen und mich augenblicklich schwindeln ließen. Ich schaute mich um und erblickte einen schwarz uniformierten Soldaten mit einem langen Gewehr, der hinter mir her schritt und mich mit seinem Blick gefangen hielt. Ich versuchte aus unverständlichem Grund, ihn anzulächeln. Ein zögerliches Lächeln deutete sich auf seinem runden Gesicht an, als ob er meinte, mich zu kennen, aber vergessen hatte, woher und nun versuchte, sich an diese Begegnung zu erinnern.
Ich mischte mich unter die Touristenscharen und begann, ein altes Lied zu summen. Mit den anderen Reisenden betrat ich einen geräumigen Saal mit einer niedrigen Decke, in dem die Luft merklich stickig und verbraucht war. Reisende mit braunen Gesichtern und bodenlangen, luftigen Gewändern und Soldaten drängten sich um die Schalter der Paßkontrolle. Einheimische Frauen plauderten mit blonden Stewardessen. Sie lachten und riefen so laut, als gälte es, jeglichen Lärm zu übertönen: »Please, gathering here; Pyramid Association; Sphinx Agency; welcome to Egypt…«
Auch vereinzelte arabische Zurufe waren zu vernehmen. Ich spürte, wie mein Herz zu rasen begann. Vielleicht war es die gewöhnliche Aufregung wegen der Polizeikontrolle.

Aus dem Anfang eines unveröffentlichten Romans

Bücher

Hussain Al-Mozany

Parallelwelten.
Essays. Thelem Verlag, Dresden 2011


Das Geständnis des Fleischhauers
.

Roman. Hans Schiler Verlag, Berlin/Tübingen 2007

Wächter des verborgenen Imams.
Erzählungen in arabischer Sprache. Al-Kamel Verlag, Köln/Beirut 2004

Mansur oder der Duft des Abendlandes.
Roman in deutscher Sprache. Reclam Verlag, Leipzig 2002

Der Marschländer.
Bagdad – Beirut –Berlin. Roman in deutscher Sprache. Glaré Verlag, Frankfurt am Main 1999

Herbst der Städte.
Erzählungen in arabischer Sprache. Al Kamel Verlag, Köln/Beirut 1996