Marta Kijowska:
Die Idee, ein paar Skizzen über die Orte zu schreiben, die für das literarische Leben im Polen des 20. Jahrhunderts entscheidend waren, ist mir erstmals kurz vor der Frankfurter Buchmesse 2000 gekommen. Polen sollte Ehrengast dieser Buchmesse sein, und ich hatte den Wunsch, ein kleines Buch zu verfassen, das die angeblich so schwierige und hermetische polnische Literatur dem deutschen Leser näher bringen würde. Ich wollte ihn, statt mit Namen, Daten und Titeln zu erdrücken, auf eine Reise durch mehrere „literarische Landschaften“ Polens mitnehmen - und dabei mal von der Persönlichkeit eines Schriftstellers, mal von dem Charakter eines Ortes, mal von politischen oder wirtschaftlichen Umständen, die das literarische Leben beeinflusst hatten, ausgehen. Leider hatte ich damals nicht genug Zeit und Mittel, um dieses Projekt zu realisieren. Um so mehr freue ich mich, dass es jetzt, sieben Jahre später, doch noch zustande kam. Dass ich diesmal drei Reisen nach Polen unternehmen und dabei wenigstens einige der mir vorschwebenden Orte aufsuchen konnte: Warschau, Lodz, Krakau oder Zakopane. Natürlich musste ich auch in diesem Fall auf einiges verzichten. Eine Reise nach Wilna zum Beispiel oder nach Lemberg konnte ich nicht einplanen. Um so wichtiger war aber für mich die Möglichkeit, auf „Ersatzsituationen“ zurückzugreifen, etwa auf eine Sonderausstellung über Bruno Schulz im Warschauer Literaturmuseum (anstelle einer Reise nach Ostgalizien) oder auf Gespräche mit Krakauer Freunden und Mitarbeitern des Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz (anstelle einer Eskapade nach Wilna). Dank dieser Recherchen vor Ort konnte ich mir auch besser das Klima und den Stil ehemaliger literarischer Treffpunkte ausmalen: der Kaffeehäuser, Privatwohnungen, die als literarische Salons fungiert hatten, oder Redaktions- und Verlagsräume. So waren diese Reisen für mich - und, wie ich hoffe, für mein Buch - sowohl in faktographischer als auch in atmosphärischer Hinsicht eine große Bereicherung.
Polen, das heißt nirgendwo
Ein Streifzug durch Polens literarische Landschaften
C.H. Beck Verlag 2007. 220 Seiten.
ISBN 978-3-406-56375-1