Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Marta Kijowska:

Marta Kijowska, 1955 in Krakau geboren, studierte Germanistik in Krakau und München und war jahrelang als Redakteurin von „Kindlers Neuem Literatur Lexikon“ tätig. Seit Jahren lebt sie in München und arbeitet dort als Journalistin für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen vor allem zu polnischer Kultur, Literatur und Geschichte und als Übersetzerin aus dem Polnischen. 1989 erhielt sie den Österreichischen Jugendbuch-Übersetzungspreis. Sie veröffentlichte unter anderem die Biographie Andrzej Szczypiorskis „Der letzte Gerechte“ (2003) und „Krakau. Spaziergang durch eine Dichterstadt“ (2005).
Polen, das heißt nirgendwo

Für kaum eine andere europäische Nation war das 20. Jahrhundert eine solche Herausforderung wie für die Polen: Der Kampf um die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität, der Erste Weltkrieg, die unruhigen Zwischenkriegsjahre, in denen der Aufbau des neuen Staates mit dem Heraufziehen des Faschismus in Europa einherging, der Zweite Weltkrieg, der das Land völlig verwüstete, die 45-jährige Ära des Kommunismus, die seinen wirtschaftlichen Ruin mit sich brachte, und schließlich die Zeit nach der Wende, in der es galt, moderne Strukturen des öffentlichen Lebens zu schaffen – all das setzte sich zu einem sehr bewegten Kapitel der polnischen Geschichte zusammen und fand freilich auch seinen Niederschlag in der Literatur: Nicht nur in der Zahl literarischer Werke und in der Themenwahl, sondern auch darin, dass die im Laufe des Jahrhunderts wechselnden Zentren des literarischen Lebens einen unterschiedlichen Charakter hatten. Mal war er Folge der politischen Situation, mal Ausgeburt einer Mode, mal resultierte er aus der geographischen Eigenart des jeweiligen Hinterlandes. Und immer und überall – ob in Warschau, Krakau, Zakopane, Lemberg, Wilna, Danzig oder Paris, dem Exilmekka der Polen – wurde er von einer oder mehreren Literatenpersönlichkeiten geprägt.

„Polen, das heißt nirgendwo“ ist eine Reise durch diese wechselnden Zentren, bei der sie die wichtigsten dieser „Literaturlandschaften“ charakterisiert. Es geht Marta Kijowska nicht darum, alle Erscheinungen, Richtungen, Moden und Stile zu schildern, geschweige denn eine vollständige „Geschichte der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ zu schaffen. Sie erzählt vielmehr die mit einem Ort und einer bestimmten Zeitspanne verbundenen literarischen Ereignisse und zeigt dabei die historischen, politischen und kulturellen Zusammenhänge und Querverbindungen.

C.H. Beck Verlag, August 2007
220 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-406-56375-1

Weitere Informationen

„Die Idee, ein paar Skizzen über die Orte zu schreiben, die für das literarische Leben im Polen des 20. Jahrhunderts entscheidend waren, ist mir erstmals kurz vor der Frankfurter Buchmesse 2000 gekommen. Polen sollte Ehrengast dieser Buchmesse sein, und ich hatte den Wunsch, ein kleines Buch zu verfassen, das die angeblich so schwierige und hermetische polnische Literatur dem deutschen Leser näher bringen würde. Ich wollte ihn, statt mit Namen, Daten und Titeln zu erdrücken, auf eine Reise durch mehrere „literarische Landschaften“ Polens mitnehmen – und dabei mal von der Persönlichkeit eines Schriftstellers, mal von dem Charakter eines Ortes, mal von politischen oder wirtschaftlichen Umständen, die das literarische Leben beeinflusst hatten, ausgehen. Leider hatte ich damals nicht genug Zeit und Mittel, um dieses Projekt zu realisieren. Umso mehr freue ich mich, sieben Jahre später doch noch zustande kam. Dass ich diesmal drei Reisen nach Polen unternehmen und dabei wenigstens einige der mir vorschwebenden Orte aufsuchen konnte: Warschau, Lodz, Krakau oder Zakopane. Natürlich musste ich auch in diesem Fall auf einiges verzichten. Eine Reise nach Wilna zum Beispiel oder nach Lemberg konnte ich nicht einplanen. Umso wichtiger war aber für mich die Möglichkeit, auf „Ersatzsituationen“ zurückzugreifen, etwa auf eine Sonderausstellung über Bruno Schulz im Warschauer Literaturmuseum (anstelle einer Reise nach Ostgalizien) oder auf Gespräche mit Krakauer Freunden und Mitarbeitern des Nobelpreisträgers Czeslaw Miłosz (anstelle einer Eskapade nach Wilna). Dank dieser Recherchen vor Ort konnte ich mir auch besser das Klima und den Stil ehemaliger literarischer Treffpunkte ausmalen: der Kaffeehäuser, Privatwohnungen, die als literarische Salons fungiert hatten, oder Redaktions- und Verlagsräume. So waren diese Reisen für mich – und, wie ich hoffe, für mein Buch – sowohl in faktographischer als auch in atmosphärischer Hinsicht eine große Bereicherung.“