Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Marica Bodrožić:

Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib/Dalmatien, dem heutigen Kroatien geboren. Sie lebt seit 1983 in Deutschland und schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Förderpreis für Literatur von der Akademie der Künste in Berlin, den Kulturpreis Deutsche Sprache und zuletzt den Preis der LiteraTour Nord, den Kranichsteiner Literaturpreis und den Literaturpreis der Europäischen Union. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
Mein weißer Frieden

Eines Nachts führt Marica Bodrožićs Vater sie in ihrem dalmatinischen Dorf hinaus ins Freie. Sie ist noch ein Kind, und er zeigt ihr am Himmel die Sterne des Südens, erklärt ihr, wie jeder einzelne Stern heißt und dass das Licht der weitentfernten Galaxien alles auf der Erde beschützt: die Tiere, die Bäume und Pflanzen, auch jeden einzelnen Menschen, samt seinen Träumen. Ein ergreifendes Momentum schreibt sich tief in das Kind ein. Seither ist Marica Bodrožić’ Blick auf den Himmel gerichtet, immer auf der Suche nach den Sternen, Erzählungen und Beglückungen des Südens. Diese wesenhafte Liebe bleibt ihr auch im dörflichen Hessen erhalten, als sie das alte Jugoslawien für immer verlässt und in die Nähe von Frankfurt zieht. Selbst als in den 1990er Jahren der Krieg in ihrem Herkunftsland ausbricht, bleibt sie dieser Liebe ungebrochen treu. Seitdem ist sie häufig in ihre brutal zerrissene Herkunftsgegend zurückgereist, und in diesem Buch erzählt sie von ihren gleichermaßen ethnologischen wie empathischen Begegnungen mit Land und Leuten vor dem Ausbruch des Krieges und danach. Sie beschreibt eindringlich die mediterrane Welt, aber auch die Verwüstungen, die der Bürgerkrieg hinterlassen hat: konkret, anschaulich und zutiefst poetisch zugleich. Dabei geht es ihr immer auch um die Beschwörung der humanistischen Werte und um die Hinwendung zum freien Menschen, der nur dann wirklich frei sein kann, wenn er lernt, auch das Dunkle in seiner eigenen Geschichte zu sehen. Marica Bodrožićs Buch ist ein couragierter Beitrag zum Erlernen dieses inneren Sehens. Diese große Reisebetrachtung über Krieg und Frieden und die ethische Verantwortung des Einzelnen stellt grundlegende Fragen und legt zugleich Zeugnis ab von der geistigen Kraft der Sprache und vom Handwerk des inneren Sehens.

336 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, München 2014
ISBN: 978-3-630-87394-7
Der Windsammler

„Der Duft von Olivenholz, der Geschmack von Wein und Öl, das Blau, Braun und Grün der festlichen Kirche: All das trägt ebenso zum Flair dieses Erzählstroms bei wie die Sprache – die in ihrer lyrischen Eigenwilligkeit immer wieder an Rilke erinnert“, schrieb „Der Bund“ über Marica Bodrožićs „ungewöhnlich starkes Romandebüt“ „Der Spieler der inneren Stunde“.

In den hier vorliegenden Erzählungen werden die Sujets des sinnlich greifbaren Lebens in die magischen Räume der Bildwelt überführt. Der Mediterran, das dörfliche Leben, die Jahreszeiten, die Kindheit als Garten Eden, die Gesetze der Träume, aber auch Krieg und Diktatur bewohnen dieses innere Schreibland der Imagination.

Erzählungen 
183 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN: 978-3-518-41914-4

Weitere Informationen

Bildergalerie – Mein weißer Frieden

Marica Bodrožić hat mit zehn Jahren ihre dalmatinische Heimat verlassen. Seitdem ist sie über drei Jahrzehnte hinweg immer wieder in ihren ersten Süden zurückgekehrt – dieses Mal recherchierte sie mehrmals zwischen 2006 und 2013 in Bosnien und Kroatien auf den Spuren des jugoslawischen Bürgerkrieges und auf der Suche nach Schönheit, Frieden und Versöhnung. Sie hat mit Frauen und Kindern gesprochen, die die 1425 Tage währende Belagerung in Sarajevo überlebt haben, aber auch mit kroatischen und serbischen Kriegsteilnehmern, mit Müttern, Tätern und Opfern aller Seiten genauso wie mit vermeintlichen Siegern, und hält trotz allen Schreckens an der Utopie der Freiheit fest und daran, dass das alte Jugoslawien vielleicht sogar einmal ein Modell für das Zusammenleben der Völker in Europa sein könnte.


Der Windsammler

Marica Bodrožić reiste nach Kroatien, um in den Stadtarchiven von Zagreb, Split und Zadar sowie auf den einzelnen Inseln selbst zu recherchieren. Ihre magisch-realistischen Texte waren in Teilen schon vor der Reise entstanden und fanden zu ihrer jetzt vorliegenden Form in einem langen Schreibprozess, der über drei Jahre andauerte und der sich schließlich, aus der für sie wichtigen Distanz, im Echoraum ihrer Insel-Begegnungen und Erfahrungen vor Ort in den Arbeiten einpendelte. Die Erzählungen erfuhren immer wieder eine neue Metamorphose und haben sich in großen Teilen von den realistischen Schauplätzen entfernt, nähren sich aber nichtsdestotrotz von den Ergebnissen ihrer Recherche, die gleichsam für das Rückgrat ihrer poetischen Sprachreisen ins Innere realer und imaginierter Bilder sorgen.

Dabei geht die Autorin mit der politisch-geschichtlichen Wirklichkeit auf eine ganz eigene Art und Weise um. Manchmal geschieht das mit poetischer Überhöhung, mit sprachlichen Collage-Techniken, lyrischen Verformungen oder auch Verfremdungen (wie in der Erzählung „Die Meeresseite der Orange“), mit dem Ziel, die einzelne Geschichte, die einzelne Insel oder die singuläre Biographie einer ganz bestimmten politischen Zeit als allgemeingültig darzustellen, die auch überall sonst auf der Welt geschehen und da sein könnten, nur hier, unter einer bestimmten zeitgeschichtlichen Patina als ihr Erzählraum hervorgetreten sind.

Mit unbestechlich poetischem Blick sammelte die Autorin auf elf dalmatinisch-istrischen Inseln Versatzstücke der Wirklichkeit, um sie dann, von Farben und Licht umpflügt, in moderne Märchen münden zu lassen. Ihre Figuren sind Bildinspektoren, Windsammler oder Eroberer des Wörterbuchs, Wanderer durch Landschaft, Mythos und Geschichte. Die Erzählung „Die Rache des Dammhirsches“ etwa spielt an auf ein Treffen von Tito und Walter Ulbricht. Diese Geschichte nimmt auf den Brijuni-Inseln ihren Lauf`; hier hatte Marica Bodrožić ebenso recherchiert – auf diesen Inseln befand sich einst Titos Sommerresidenz, heute erinnert ein anachronistisch wirkendes Museum dort an ihn. Die Geschichte „Der Bote des Cerebellums“ ist ebenso auf den Brijuni angesiedelt, auf denen einst Robert Koch geforscht und schließlich das Mittel gegen Malaria gefunden hatte. „Die Meeresseite der Orange“ thematisiert den jugoslawischen Gulag auf Goli Otok.

Traum und Wirklichkeit vermischen sich in Marica Bodrožićs Geschichten, Bilder flattern auf, Seelenbilder und Weltbilder, die schön und erschreckend zugleich sind. Wir aber können uns verlassen auf die heilsame Kraft ihrer Poesie: „Im Winter, wenn die Gedächtnisse unter Schwefel liegen, bricht etwas in den Sätzen der Menschen auf und die leere Welt ihres Inneren wird gewendet.“