Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Boris Schumatsky:

Boris Schumatsky studierte Politologie an der FU Berlin, Kunstgeschichte am Repin-Institut in St. Petersburg sowie Kunstgeschichte, Psychologie und Philosophie an der Staatlichen Pädagogischen Hochschule in Moskau. 1997-2005 nahm Boris Schumatsky an der Fachgruppe Ost- und Mitteleuropa der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen teil. 1996-1997 engagierte er sich als Freiwilliger bei der Hilfsorganisation „Cap Anamur, Deutsche Not-Ärzte e.V.“ in Tschetschenien.
Wie ein anderer Planet. Norilsk im sibirischen Polargebiet

Olga Jaskina war 14, als sie nach Norilsk gebracht wurde. Norilsk war damals ein gigantisches Lager des Gulag. Zusammen mit hunderttausenden Mithäftlingen baute Olga in der eisigen Polarwüste Straßen, Erzgruben, Hüttenwerke und die Häuser der entstehenden Stadt. Auch nach der Freilassung hatte Olga keine Möglichkeit, dem hohen Norden zu entkommen.

Unter der Stadt Norilsk liegen gewaltige Vorkommen an Nickel, Kupfer, Platin und Gold. Das wusste man schon seit dem 16. Jahrhundert, doch der Weg dorthin war viel zu weit: Zuerst viertausend Kilometer von Moskau durch Steppe und Taiga nach Krasnojarsk. Dann weitere zweitausend Kilometer den sibirischen Strom Jenissej hinunter, durch die menschenleere Tundra bis zum Polarkreis, und dann noch weiter nach Norden fast bis zur Eismeerküste. Lange schien es undenkbar, in einer Eiswüste Bodenschätze abzubauen. Erst während der Stalinzeit fand man eine Lösung. Von 1935 an wurden über 300.000 Häftlinge in fensterlosen unbeheizten Frachträumen der Jenissejfähren nach Norilsk verschifft.

Das von den Gulag-Häftlingen erbaute Nickelkombinat wurde Mitte der 1990er Jahre für einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes privatisiert. Heute ist der Konzern Norilsk Nickel eines der profitabelsten Unternehmen Russlands und Weltmarktführer in der Nickelproduktion. Die Emissionen von mehreren Hüttenwerken machen Norilsk zugleich zu einer von zehn am meisten verseuchten Städten der Welt. Außer Nickel werden dort auch zwei Drittel des weltweit produzierten Palladiums gewonnen und an internationale Automobilkonzerne verkauft. Als Bestandteil von Katalysatoren verringert Palladium die Abgasemission bei Verbrennungsmotoren. Im Umkreis von 30 Kilometern um Norilsk ist unterdessen eine Todeszone entstanden. Nach Angaben von Greenpeace schädigt saurer Regen die Tundra auf einem Gebiet so groß wie Deutschland.

Olga Jaskina hat als ehemaliges Gulag-Opfer Anspruch auf eine Wiedergutmachung. Für einen Bruchteil des Milliardengewinns von Norilsk Nickel soll die Stadt ihr eine Wohnung in Südrussland subventionieren. Erst dann kann die inzwischen 70jährige endlich das Polargebiet verlassen. Allerdings findet Olgas Lebensgeschichte wenig Beachtung in Norilsk. Die Mittlere Generation fürchtet sich manchmal, über die Gulag-Vergangenheit ihrer Stadt zu reden. Für die Norilsker Studenten sind Geld und Karriere ein wichtigeres Thema als die Vergangenheitsbewältigung. Weder in Norilsk noch in Moskau wollen die Machthaber die sowjetische Vergangenheit aufarbeiten, obwohl – oder gerade weil – sie heute die russische Politik wieder einzuholen scheint. Olga wartet. 

Deutschlandradio Kultur
Erstausstrahlung: 24.06.2007
Wiederholung: 03.02.2008 (WDR 5)

Bildergalerie

Die Reise nach Norilsk fand im Februar und März 2007 statt. Das daraus entstandene Feature wurde Mitte Juni 2007 in Berlin vom Deutschlandradio Kultur für die Sendereihe „Menschen und Landschaften“, Redaktion Karin Schorsch, produziert. Beate Ziegs führte bei dieser Produktion Regie. Den Erzähler las Dieter Mann vom Deutschen Theater in Berlin. Als Olga konnte Christine Oesterlein gewonnen werden – die Grande Dame des deutsprachigen Hörspiels.