Sprung zwischen den Kulturen

Bundesaußenminister Steinmeier präsentiert Halma-Initiative der
Robert Bosch Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin e.V.

"Dass sich ein Bundesaußenminister der Auswärtigen Kulturpolitik so sehr verschreibt, das hat es seit sehr langer Zeit nicht gegeben", sagte Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, und stellte damit das besondere Engagement von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier heraus. Er hatte gemeinsam mit den "Halma"-Initiatoren, der Robert Bosch Stiftung und dem Literarischen Colloquium Berlin e.V., Persönlichkeiten aus Politik und Kulturszene in den Lichthof des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt eingeladen, um ihnen "Halma – das Netzwerk literarischer Zentren" zu präsentieren.

"Halma" [griech. Sprung] ist Titel und Programm zugleich: Das Netzwerk schafft eine internationale Plattform für den literarischen Austausch, baut geographische Barrieren ab und vernetzt schon heute 16 literarische Zentren in elf Ländern Mittel- und Osteuropas. Sämtliche Akteure des literarischen Lebens – Autoren, Übersetzter und Vermittler – sollen vor Ort die Vielfalt der verschiedenen Kulturen erfahren und erleben. Zahlreiche Vertreter der Halma-Einrichtungen haben sich am 11. Mai 2007 in Berlin zusammengefunden.

"Halma ist eine ganz vorbildliche europäische Initiative", lobte Außenminister Steinmeier. "Sie macht es möglich, dass die Exponenten der jeweiligen nationalen Literaturen an verschiedenen Orten in Europa zusammen arbeiten, ihre ästhetischen und ethischen Positionen in der Wahrnehmung der fremden Freunde und am europäischen Projekt gleich Beteiligten überprüfen und diskutieren können – kurz: sie will europäische Literatur ermöglichen." Und Halma sei damit auch kulturpolitisch zukunftsweisend: "Unterschiede und Differenzen sind notwendig, befruchtend und manchmal auch befreiend für unsere Kulturen."

Europa sei vielstimmig und bunt und das genau sei das Besondere an Europa, pflichtete Ingrid Hamm dem Außenminister bei. "Halma will in Europa wandern, vernetzen, und je mehr mit dabei sind, desto erfolgreicher kann das Netzwerk wirken", erklärte die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung das Halma-Prinzip. Als beeindruckendes Beispiel für die Vielstimmigkeit der Kulturen Europas beschrieb sie Karl Dedecius, Nestor der Übersetzer polnischer Literatur und Namensgeber des Karl-Dedecius-Preises. Er hätte formuliert, was man als einen Leitsatz der auswärtigen Kulturpolitik verstehen könne: "Der Dialog zwischen den Kulturen war das Gebot aller Zeiten und ist es heute ganz besonders. Mit einander zu sprechen genügt nicht, man muss sich auch verstehen, nicht nur oberflächlich. Man muss sich existenzieller kennen und verstehen lernen[..]."

Viele der beteiligten Halma-Initiativen seien über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus noch weitgehend unbekannt, erklärte Ingrid Hamm weiter. "Das Interesse für Kultur aus Mittel- und Osteuropa ist durch den Fall des Eisernen Vorhangs und nochmals durch die Osterweiterung der EU stark gewachsen. Doch dieser erhöhten Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Raum steht noch vielfach das fehlende Wissen um passende Ansprechpartner und Institutionen vor Ort entgegen." Und Halma setze genau an dieser Stelle an. "Die 16 Institutionen, die sich mit Halma in einem Verein zusammengeschlossen haben, sind bereit, Stipendiaten, seien es Autoren, Literaturübersetzer oder Literaturvermittler, zu beherbergen und in die jeweilige historisch-literarische Landschaft einzuführen. Sie sind bereit, die Werke dieser Autoren in Veranstaltungen ihrem Publikum vorzustellen, Übersetzer und Autoren in Werkstätten miteinander in Kontakt zu bringen und sich in länderübergreifende Projekte einzubringen."

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier möchte – wie im Beispiel Halma vorbildlich gelungen – das Auswärtige Amt als Andockstation verstanden wissen. Er will Experten der Kultur, Künstlern, Kulturschaffenden und -vermittlern die außenpolitische Expertise seines Hauses und das Netz der Auslandsvertretungen zur Verfügung stellen. Halma soll auch auf süd- und westeuropäische Zentren ausgebaut werden. Das Auswärtige Amt leistet einen ersten Beitrag und stellt ein Stipendium für einen Schriftsteller bereit. Steinmeier formulierte den persönlichen Wunsch, im Sinne der aktuellen und ersten Trio-Präsidentschaft mit dem Stipendium die Verbindung zwischen Portugal und Slowenien zu stärken. Das Halma-Netzwerk wird für weitere Stipendien werben, einige sind schon Bestandteil des Programms: Die Schweizer Stiftung Pro Helvetia will jährlich drei Stipendien finanzieren, die S. Fischer Stiftung schickt Übersetzer auf die Reise und die Isländische Botschaft wird isländischen Autoren Gelegenheit zu Halma-Aufenthalten geben.

Ilija Trojanow, Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, beschreibt es poetisch mit dem Netz von Indra: "Wenn wir schreiben, vernetzen wir. Wort mit Wort, Ort mit Ort. Wir reihen Buchstaben aneinander, wir versammeln Wörter, mal zu festen Paragraphen, mal zu vorübergehenden Strophen. Das Geschriebene vernetzt sich weiter, mit dem Leser, der Leserin. [...] In diesen Netzen des geschriebenen, gedruckten, gelesenen, bedachten und weitergetragenenen Wortes reisen wir von Wort zu Ort und weiter zu vielen anderen Orten." Mit Freude und Zuversicht begrüßte der Schriftsteller und Chamisso-Preisträger das Halma-Netzwerk. Er wünschte sich einen Sprung ins Gegenseitige und Gemeinsame. "Gerade in einem zusammenwachsenden Europa müssen wir unsere Vielfalt feiern, und zwar auf der Basis unserer existenziellen Gemeinsamkeiten." Netzwerke wie Halma könnten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, damit wir erkennen (und nicht vergessen), dass wir nicht gleich sind, aber gleichermaßen beteiligt, so Trojanow.

[Mai 2007, Stephanie Hüther]