Grenzgänger

György Dalos:

György Dalos, geboren 1943 in Budapest, studierte von 1962 bis 1967 an der Moskauer Universität und war Mitglied der Ungarischen KP bis 1968, als er wegen „staatsfeindlicher Aktivitäten“ Berufs- und Publikationsverbot erhielt. 1984 erhielt er ein Stipendium des Berliner DAAD und arbeitete an der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Von 1987 bis 1995 lebte er abwechselnd in Wien und Budapest und arbeitete u.a. für deutsche Rundfunkanstalten und Zeitungen. Von 1992 bis 1997 war Dalos Mitglied des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung in Köln, 1995 erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Von 1995 bis 1999 leitete er das Ungarische Kulturinstitut in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Preise. György Dalos lebt als freier Schriftsteller in Berlin.

Preise:
1995 Adelbert-von-Chamisso-Preis
1999 Gryphius-Sonderpreis
2000 Goldenes Plakett, die persönliche Anerkennung des Präsidenten der Republik Ungarn
2010 Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
1956. Der Aufstand in Ungarn

György Dalos’ Buch über den Aufstand in Ungarn verleugnet nicht, das Werk eines Schriftstellers zu sein. Er erzählt aus der Sicht der Protagonisten – der führenden Politiker wie der einfachen Leute – eindringlich und bewegend den Verlauf des Aufstandes bis zu seinem tragischen Ende.

Der ungarische Volksaufstand (23. Oktober 1956  bis 4. November 1956) wurde von niemandem geplant. Er brach als spontaner Protest gegen die Lüge und Gewalt der Diktatur unter Mátyás Rákosi (1949-1953) sowie die Verhinderung der Reformen unter Imre Nagy (1953-1955) aus. Auf die ursprünglich friedliche Demokratiekundgebung der Universitätsjugend antwortete die erschrockene KP-Führung mit einer Bitte an Moskau um Hilfe. Die Intervention der Roten Armee löste einen bewaffneten Widerstand aus, in dem ein paar Tausend Freischärler mit ihrer Taktik der Stadtguerilla einige Erfolge gegen die Besatzer erreichen konnten. Die Regierung von Imre Nagy gab allmählich den Forderungen der Straße nach: Sie akzeptierte das Mehrparteiensystem, erklärte den Austritt des Landes aus dem Warschauer Vertrag und die Neutralität Ungarns nach österreichischem Muster. Die Sowjets begannen mit dem Rückzug ihrer Truppen aus Budapest. Einige Tage lang erschien eine friedliche Weiterentwicklung möglich. Diese Hoffnungen wurden jedoch durch den erneuten sowjetischen Einmarsch zerstört.

Dalos’ Chronik des Aufstandes faßt die Ereignisse auf der Grundlage neuester Kenntnisse – nach Öffnung der Archive – und zahlreicher Interviews mit Zeitzeugen prägnant zusammen. 17 Aufnahmen des Magnum-Fotografen Erich Lessing, der für seine Reportagen über die ungarische Revolution den American Art Directors Award erhielt, illustrieren den Band.

247 Seiten mit 17 Abbildungen, gebunden
Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla
Verlag C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-54973-1

Weitere Informationen

Die Recherche für mein Buch begann im Januar 2005. Ziel war es, dem deutschen Publikum ein transparentes Bild der Ereignisse zu bieten, die fünf Jahrzehnte zurückliegen und einer typisch mitteleuropäischen Tradition angehören, die nicht einmal der jüngeren Generation meines Landes ohne Kommentar vermittelt werden kann. Ich führte zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen und Historikern in Berlin. In Wien sprach ich mit vielen Exil-Ungarn, die das Land im November 1956 verlassen hatten, und las zeitgenössische Presseberichte in der Nationalbibliothek. Magnum-Fotograf Erich Lessing stellte Originalaufnahmen von Budapest aus den Herbsttagen 1956 zur Verfügung. In Budapest forschte ich im 56er Institut und führte Gespräche mit Péter Kende, György Litván, Imre Mécs, Aliz Halda u. a. Die Ergebnisse meiner Lektüre und der anregenden Gespräche arbeitete ich bewusst nicht in wissenschaftlicher Weise, sondern als Erzählung aus.

Die Bundeszentrale für Politische Bildung ließ bereits einen Sonderdruck herstellen, außerdem erschien „1956. Der Aufstand in Ungarn“ bei dem Verlag Donzelli in Rom; eine estländische Ausgabe befindet sich in Vorbereitung.