Helga Hirsch:

Entwurzelt
Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug

Jeder ist sich in seinem Leid am nächsten – sich und seiner Gruppe, mit der er die Erfahrung teilt. Wer sich jedoch mit seinem Schicksal von der Umwelt anerkannt fühlt, wird die Fixierung auf das eigene Los leichter überwinden und Mitgefühl mit Anderen entwickeln: Er muss nicht mehr in Konkurrenz zu anderen Opfern treten.   
Dieses Gefühl der Anteilnahme wollte ich meinen Gesprächspartner vermitteln, als ich sie zu Erfahrungen befragte, die sie miteinander teilen: den zwangsweisen Verlust von Heimat in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg im Raum zwischen Oder und Bug.
Ich suchte und fand diese vertriebenen Polen, Juden, Ukrainer und Deutsche bei Reisen in die Westukraine, nach Polen, nach Israel und in deutsche Städte. Je mehr ich las und je mehr Einzelfälle ich recherchierte, desto vertrauter wurden mir die verschiedenen Regionen, die verschiedenen Konfliktlagen und die verschiedenen Erinnerungskulturen. Und ich spürte: Indem meine Gesprächspartner von ihrer Risikobereitschaft und ihrem Mut angesichts von Umständen berichteten, die mir nicht selten erdrückend und ausweglos erschienen, indem sie auch ihre Trauer und Scham aufgrund sie erniedrigender, verletzender Erlebnisse nicht verbargen, fühlte ich mich auf nur scheinbar paradoxe Weise beschenkt. Sie ließen mich teilhaben an ihrem Leid und ermöglichten damit beglückende Begegnungen, in denen die Nationalität keine Rolle mehr spielte.

Entwurzelt
Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug
296 Seiten mit 10 s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-89684-065-3
edition Körber Stiftung, März 2007

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