Grenzgänger

Helga Hirsch:

Helga Hirsch arbeitet seit 1985 als freie Journalistin und Buchautorin. Nach ihrem Studium der Germanistik und Politologie in Berlin promovierte sie über die polnische Opposition der Jahre 1976 bis 1980. Von 1988 bis 1995 war sie Korrespondentin der ZEIT in Warschau. 2001 wurde sie mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet; 2005 erhielt sie den Latücht-Preis für ihren Dokumentarfilm über einen überlebenden polnischen Juden „Coffee Beans For a Life“. Sie veröffentlichte mehrere Bücher zu deutsch-polnischen Themen.
Entwurzelt. Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug.

Helga Hirsch erzählt die Geschichten von Menschen, die auf erzwungene, oft dramatische Weise ihre Heimat verloren haben. Vor dem Zweiten Weltkrieg leben Polen, Ukrainer, Deutsche und Juden noch gemeinsam in ihren Dörfern und Städten zwischen Oder und Bug. Doch hinter der friedlichen Fassade gären längst enorme Spannungen. Der Einmarsch der Deutschen in Polen bringt diese Mischung zur Explosion. Es folgen Jahre, in denen die Region zu den am schwersten umkämpften in Mitteleuropa gehört. Inmitten all dieser Kriegswirren versuchen die Menschen, ihren Alltag weiterzuleben und sind ihnen doch schutzlos ausgeliefert. Ob "heim ins Reich" oder Flucht vor der deutschen Besatzungsmacht, ob Umsiedlung ins sogenannte "Generalgouvernement", Deportation aus Ostpolen in die Sowjetunion oder die Vertreibung der Deutschen während und nach dem Krieg: Die Erfahrung des Heimatverlustes teilen Millionen von Menschen; sie prägt ihr Leben bis heute. Und sie wirkt in nachfolgenden Generationen weiter.

edition Körber Stiftung, März 2007
296 Seiten mit 10 s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-89684-065-3

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Im Sommer 2005 brach ich von Krakau aus zu mehreren Reisen in die Beskiden, an die polnisch-ukrainische Grenze und in die Gegend von Lemberg auf – auf der Suche nach Polen, die während und am Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer ukrainischer Verfolgung gewesen waren, und auf der Suche nach Ukrainern, die im selben Zeitraum Opfer polnischer Verfolgung geworden waren. Selten habe ich so viele traumatisierte Menschen getroffen, misstrauisch gegenüber den Fremden, oft noch voller Ressentiment gegenüber ihren früheren Nachbarn, die über Nacht zu ihren Feinden geworden waren.

Auf polnischer wie auf ukrainischer Seite stieß ich auf verletzte Seelen, die von den neuen Demokratien in Polen und der Ukraine eine öffentliche Anerkennung ihres Leids erwarteten – eines Leids, über das in kommunistischen Zeiten nicht geredet werden durfte. Doch das Gedenken an die Opfer der Einen rief bei den Anderen nicht selten Bitterkeit hervor: Für Polen etwa waren die Mitglieder der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA Mörder, für die Ukrainer waren sie Helden und Opfer.

Meines Erachtens sollten wir den Erfahrungen Mitteleuropas mit Minderheiten größere Aufmerksamkeit schenken, um ein realistisches Bild von dem möglichen Gewaltpotenial ethnisch-religiöser Konflikte zu erhalten. Nach dem Krieg auf dem Balkan, nach neuen ethnischen Spannungen in der Slowakei, Ungarn, dem Baltikum, nach Terroranschlägen muslimischer Fundamentalisten und Mordanschlägen von Nationalisten auf Angehörige von ethnischen

Minderheiten gibt es keinen Grund zu der Annahme, die Völker und Minderheiten würden sich in Zukunft immer weiter entfeinden und ihre ethnisch-nationalen Grenzen überwinden.