Netzwerke der Freundschaft

Neuer Verein "Aktion Demenz" setzt auf Engagement von vielen Seiten, um Betroffenen zu helfen

Deutlich über eine Million Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Jedes Jahr kommen rund 20.000 neue Betroffene dazu. In Pflegeheimen sind es bereits heute etwa 60 Prozent der Bewohner. Damit gehört die Altersverwirrtheit zu den häufigsten Erkrankungen des hohen Alters. Nach und nach verliert der Mensch nicht nur sein geistiges Potential, sondern erlebt auch tief greifende Veränderungen der Persönlichkeit, der Affekte und Emotionen. Eine wirksame Heilung ist derzeit nicht in Sicht. Deshalb haben viele Angst vor Demenz und fürchten den Verlust ihrer Würde. Diese Würde zu wahren und gleichzeitig neue Wege der Umsorgung und Integration der betroffenen Menschen zu finden, sieht die "Aktion Demenz" als große soziale Herausforderung für die deutsche Gesellschaft. Der neu gegründete Verein will als Netzwerk und Vermittlungsstelle wirken. Denn "angesichts der wachsenden Zahl der Demenzkranken, ihres drohenden kulturellen und sozialen Ausschlusses und angesichts der ökonomischen Einschränkungen im Gesundheitsbereich", so die Vorstandsmitglieder in einer Stellungnahme, müsse staatliche Daseinsfürsorge künftig deutlich durch zivilgesellschaftliches Engagement ergänzt werden. "Es geht um neue Netze der Freundschaft und darum, Menschen mit Demenz vor allem als Mitbürger anzusehen", erklärt der Vereinsvorsitzende Professor Reimer Gronemeyer, Soziologe an der Universität Gießen und einer der profiliertesten Experten für Generationsfragen.

Die Gründung der "Aktion Demenz", die schon nach wenigen Monaten fast 200 konkrete Interessensbekundungen verzeichnen kann, erfolgt zu einer Zeit, in der das Thema zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die Tabus beginnen zu fallen und auch die Politik wird aufmerksamer. Die Bundesministerin für Gesundheit, Ulla Schmidt, würdigte bei der Vereinsvorstellung in Berlin die Initiative von "Aktion Demenz". "Die Verbesserung der Versorgungssituation demenziell erkrankter Menschen ist eine Gemeinschaftsaufgabe, für deren Erfüllung jeder in seinem Aufgabenbereich Verantwortung zu tragen hat." Das geschieht bereits an vielen Fronten: So hat sich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft öffentlich Gehör verschafft, viele Professionelle suchen nach menschenfreundlichen Wegen in der Versorgung und die Wissenschaft nach fachlich angemessener Betreuung. Doch da sind sich die Gründungsmitglieder der Aktion Demenz einig: "Ein gutes Leben mit Demenz und mit Menschen mit Demenz verlangt nach mehr." Die geforderten "neuen zivilgesellschaftlichen Wege" reichen von der "fälligen Selbstorganisation der Experten bis zur Neuinterpretation und Stärkung ehrenamtlicher Tätigkeit".


Drei Aufgabenfelder hat sich der Verein gewählt:
  • Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit soll mehr Bewusstsein schaffen und die Handlungsbereitschaft wecken. Zum Aktionsprogramm der kommenden Jahre gehören Aspekte wie Demenzfreundliche Kommune; Kunst, Kultur und Demenz oder Akutkrankenhaus und Demenz.
  • Die Diskussion der Versorgungsstrukturen soll Wege für alternative – zivilgesellschaftliche – Innovationen öffnen. Hier gilt es, nicht nur neue Modelle zu "erfinden", sondern bereits vorhandene Alternativen im Alltag der Familien und Institutionen "aufzufinden".
  • Spezialisierte Einrichtungen für Demenzkranke werden sich nicht ganz vermeiden lassen. Eine sinnvolle Verknüpfung von Institution und De-Institutionalisierung für die Betroffenen erfordert neue Ansätze.

"Demenzfreundliche Kommune" heißt die thematische Vorgabe für die ersten Monate. Noch in diesem Jahr sollen zehn bis 15 Kommunen an einen Tisch kommen, um gemeinsam Konzepte für einen besseren Umgang mit Demenzkranken in der eigenen Gemeinde oder Stadt zu entwickeln. "Wir brauchen alle, vom Ehrenamtlichen bis zum Bürgermeister, einschließlich der lokalen Presse, um die Sache jeweils vor Ort voranzubringen", erläutert Reimer Gronemeyer.

Natürlich könne es nicht darum gehen, künftig alles auf ehrenamtlicher Basis zu lösen, das macht Gronemeyer deutlich. Aber er setzt auf eine Wiederbelebung des Ehrenamts, nennt es jedoch lieber "Netzwerke der Freundschaft", die die "Aktion Demenz" sammeln, bekannt machen und miteinander verbinden will.

Der neue Verein kann auf eine intensive inhaltliche Vorarbeit bauen. Im März 2004 folgten über 70 Interessierte, die mit der Betreuung von Demenzkranken befasst sind, der Einladung der Robert Bosch Stiftung, gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz einzutreten. Seitdem wurden in sieben Werkstätten die zentralen Fragestellungen bearbeitet, die im Verlauf einer Demenzerkrankung wichtig sind. Die Absicht der Stiftungsinitiative war und ist, dass die Ergebnisse der Werkstätten in die Öffentlichkeit getragen werden.

"Wir freuen uns, dass der erste Meilenstein erreicht ist: Die Beteiligten haben den Verein "Aktion Demenz" gegründet, der das Stiftungsanliegen zu seiner Sache macht«" erklärt Almut Satrapa-Schill, Bereichsleiterin "Gesundheit und Humanitäre Hilfe". Die Arbeitsergebnisse werden zudem in der neuen Reihe "Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz" vom Hans Huber Verlag publiziert. Die Stiftung verliert das Thema Demenz nicht aus den Augen. Neben der Förderung von Modellvorhaben, Modellvorhaben,zum Beispiel zur Erprobung von schonenden Aufenthalten von Menschen mit Demenz im Krankenhaus, setzt die Stiftung auf Qualifizierung. Wissen über eine gute palliative Praxis für Menschen mit Demenz wird durch ein Curriculum für Mitarbeiter in der Altenhilfe vorbereitet. Es wurde außerdem ein Programm ins Leben gerufen, das Studienmöglichkeiten zu Demenz im Ausland eröffnet. Das Angebot der Stiftung richtet sich an Pflegekräfte, Ärzte, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und an Angehörige weiterer Berufsgruppen, die Demenzkranke betreuen. Doch nicht nur Fachleute und Betroffene werden sich in Zukunft mit diesem Aspekt unserer alternden Gesellschaft beschäftigen. "Es stellt sich die Frage", formulierte der Heidelberger Professor Andreas Kruse bei einer Stiftungsveranstaltung, "inwieweit die Gesellschaft in der Lage ist, die Grenzen, die Menschen im hohen und sehr hohen Lebensalter erfahren, bewusst anzunehmen und in einen kulturellen Entwurf des Menschseins zu integrieren".

(Oktober 2006, Stephanie Rieder-Hintze)